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Pflanzliche Arzneimittel

Auch Phytos brauchen Forschung

08.01.2008
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Pflanzliche Arzneimittel

Auch Phytos brauchen Forschung

Von Brigitte M. Gensthaler

 

Nicht nur Pharmagiganten investieren in Forschung und Entwicklung (F+E). Auch mittelständische Phytopharmaka-Hersteller brauchen Innovationen, um im Markt bestehen zu können.

 

Die Pharmaindustrie investiert weltweit jedes Jahr riesige Beträge in Forschung und Entwicklung (F+E). 2006 waren es rund 50,4 Milliarden Euro. Nach Angaben der EU-Kommission ist der Pharmasektor in Deutschland die F+E-intensivste Branche des Landes. Etwa 18 Prozent vom Umsatz investiert sie in ihre Entwicklungsabteilungen. Treibender Motor für die forschende Industrie sind Patentabläufe, berichtete Dr. Norbert Gerbsch vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) bei einem Workshop des Phyto-Netzwerks München.

 

Da Innovationen dem Unternehmen kurzfristig eine Monopolstellung und damit Gewinne verschaffen, stecken vor allem die Branchenriesen viel Geld in die Erforschung von Arzneimitteln für »große« Indikationen oder suchen nach neuen Therapien für bisher nicht oder kaum behandelbare Krankheiten. Allerdings sinkt deren F+E-Effizienz, das heißt die Zahl der neu zugelassenen Arzneimittel im Vergleich zu den Aufwendungen, sagte Gerbsch, der beim BPI das Geschäftsfeld Biotechnologie/F+E leitet. Die Biotechbranche sei dagegen deutlich effizienter.

 

In Deutschland ist die Pharmaindustrie mittelständisch geprägt. Nach BPI-Angaben arbeiten etwa 113.000 Menschen in 1040 Unternehmen. Die Mittelständler sind besonders auf den heimischen Markt angewiesen, der aber in Deutschland durch gesundheitspolitische Eingriffe zumindest im GKV-Bereich (Gesetzliche Krankenversicherung) stagniert. Ein schwieriges Umfeld für Innovation, konstatierte Gerbsch. Der Mittelstand leiste nur zwölf Prozent der gesamten F+E-Aufwendungen im Land. Mit marktnahen Innovationen wollen sich diese Firmen von Mitbewerbern abheben, stabile Nischen besetzen und sich dort behaupten. Auch Phytopharmaka brauchen die innovative Weiterentwicklung. »Echte erfahrbare Fortschritte« seien nötig, damit pflanzliche Arzneimittel auch mittelfristig in hoher Qualität in Europa zur Verfügung stehen. Diese Auffassung vertrat Dr. Günter Meng vom Phytopharmaka-Hersteller Dr. Willmar Schwabe aus Karlsruhe. »Wir müssen die Chancen der TEM, der traditionellen europäischen Medizin, neu sehen lernen.« Für traditionell zugelassene pflanzliche Arzneimittel (THMP: traditional herbal medicinal products) sieht der Forschungsleiter wenig innovatives Potenzial, abgesehen von Fortschritten beim Beleg von pharmazeutischer Qualität und Sicherheit. Etablierte pflanzliche Arzneimittel (WEMP: well established use medicinal products) könnten dagegen mit neuen Arzneiformen und neuen oder erweiterten Indikationen punkten. Das größte Innovationspotenzial, das aber auch den höchsten Aufwand erfordert, beinhalten neue pflanzliche Wirkstoffe (NHE: new herbal entities). 

 

Phytopharmaka mit phytochemisch klar definierten Extrakten haben nach Mengs Ansicht ihren festen Platz in modernen multimodalen Therapiekonzepten. Diese werden bei komplexen Krankheitsbildern eingesetzt, bei denen hoch spezifische und selektive Arzneistoffe oft nicht zum Erfolg führen. Im Bereich der »Multi-Target-Therapien« könnten Phytopharmaka künftig sogar Indikationen besetzen, die heute noch chemisch definierten Präparaten vorbehalten sind, erwartet Dr. Olaf Kelber von der Darmstädter Firma Steigerwald Arzneimittelwerk. Beispielhaft nannte er funktionelle Magen-Darm-Beschwerden, Bewegungsschmerz und Rheuma sowie Depression.

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