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Fallbericht aus China

Auf dem Klo angesteckt

In China ist es in der Frühphase der Coronavirus-Pandemie offenbar zu einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 über das Abwassersystem eines Hochhauses gekommen. Dieser Übertragungsweg dürfte aber die absolute Ausnahme sein.
Annette Rößler
08.09.2020  11:00 Uhr

Bei Menschen, die mit SARS-CoV-2 infiziert sind, ist das Virus unter anderem im Stuhl nachweisbar. Die Viruslast dort übersteigt die in den Atemwegen deutlich. Ob dies jedoch außer für das Monitoring der SARS-CoV-2-Belastung von Gemeinden im Abwasser hinaus, das im Rahmen von Forschunsprojekten betrieben wird, eine praktische Bedeutung hat, ist unklar. Denn erstens ist nicht gesagt, dass die über den Stuhl ausgeschiedenen Viren infektiös sind, und zweitens müsste sie ein anderer, um sich zu infizieren, oral aufnehmen oder einatmen, was bei guter Hygiene und funktionierenden sanitären Einrichtungen unwahrscheinlich erscheint.

Bereits im Juni wies ein Team von Physikern staatlicher chinesischer Institutionen und der Universität Yangzhou jedoch darauf hin, dass beim Toilettengang eines Infizierten SARS-CoV-2-haltige Aerosole entstehen, die andere infizieren könnten. Problematisch in diesem Zusammenhang sei vor allem der Spülvorgang, weil dabei die Aerosole verwirbelt würden. Sie empfahlen daher, den Toilettendeckel vor dem Spülen zu schließen.

Dass dies nicht bloß eine theoretische Überlegung zu sein scheint, sondern einen tatsächlich möglichen Infektionsweg beschreibt, zeigt nun eine Publikation im Fachjournal »Annals of Internal Medicine«. Mitarbeiter der chinesischen Gesundheitsbehörde China CDC beschreiben darin einen Fall aus der Großstadt Guangzhou, wo es offenbar zu einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 über das Abwassersystem eines Hochhauses gekommen ist. Mitglieder einer fünfköpfigen Familie, die nach einem Aufenthalt in Wuhan mit SARS-CoV-2 infiziert gewesen waren, hatten dort höchstwahrscheinlich zwei andere Ehepaare angesteckt. Sie waren sich nicht direkt begegnet, teilten aber dasselbe Abflussrohr – die Familie in der 15. Etage und die beiden Ehepaare in der 25. beziehungsweise 27. Etage.

Das Fachjournal »Science«, das auf seiner Nachrichtenseite den Fallbericht aufgreift, weist auf eine Besonderheit des chinesischen Abwassersystems hin. Dort sei es üblich, dass auch im Badezimmerboden ein Abfluss eingelassen sei. Dieser sei oft mit einem U-förmigen Abflussrohr versehen, das, wenn die Beuge mit Wasser gefüllt sei, luftdicht abschließe. Trockne sie jedoch aus, könne Luft zirkulieren – auch zwischen verschiedenen Appartments. Als die Untersucher in Guangzhou ein markiertes Gas in den Bodenabfluss des Badezimmers in der 15. Etage bliesen, kam es in mehreren anderen Appartments, darunter auch die beiden fraglichen in der 25. und 27. Etage, aus dem Bodenabfluss des Bads wieder heraus.

Obwohl es somit sehr wahrscheinlich ist, dass die Ansteckung in diesem Fall tatsächlich über das Abwassersystem erfolgte, gehen die chinesischen Forscher davon aus, dass diese Infektionsroute von untergeordneter Bedeutung ist. Sie könne durch gute Hygiene vermieden werden. Dazu gehöre auch, U-förmige Abwasserrohre nicht austrocknen zu lassen.

Professor Dr. Jordan Peccia, der sich als Umweltwissenschaftler an der Yale University mit SARS-CoV-2 im Abwasser beschäftigt, bestätigt das gegenüber »Science«. Damit es zu einer solchen Ansteckung komme, müssten viele begünstigende Faktoren zusammentreffen. Ein kranker Mensch müsse sehr viel infektiöses Virus ausscheiden, das dann andere schnell und in hoher Dosis erreichen müsse. Es gebe keinen Grund zu der Annahme, dass das nicht passieren könne. »Aber wenn es vorkommt, ist es ein seltenes Ereignis.«

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