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Tocilizumab und Sarilumab

Antikörper gegen Covid-19

Eine überschießende Immunreaktion auf SARS-CoV-2 soll eine Ursache für schwere Covid-19-Verläufe sein. Eine Schlüsselrolle spielt hier das Interleukin-6. Auf das Zytokin abzielende Antikörper wie Tocilizumab und Sarilumab werden daher nun in Studien getestet.
Kerstin A. Gräfe
15.04.2020
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Weltweit sind mittlerweile fast zwei Millionen Menschen mit Covid-19 infiziert. Während die Infektion bei zahlreichen Betroffenen ohne oder mit wenigen Symptomen verläuft, zeigen etwa 15 Prozent schwere Verläufe. Drei Ursachen führen laut einer Pressemitteilung des LMU Klinikums München zu einer derartigen, zum Teil lebensbedrohlichen Covid-19-Erkrankung. Zum einen eine verzögerte Viruselimination bei Menschen mit geschwächter Immunabwehr, zum anderen ein Organversagen bei Vorerkrankungen. Ursache Nummer drei ist eine überschießende Immunreaktion auf SARS-CoV-2, die in einem sogenannten Zytokin-Sturm mündet.

Die LMU-Forscher Privatdozent Dr. Tobias Herold und Dr. Tobias Weinberger konnten inzwischen zeigen, dass der Botenstoff Interleukin-6 bei Patienten mit sehr schweren Covid-19 Verläufen erhöht ist und der Blutspiegel die Notwendigkeit eines Intensivaufenthalts mit hoher Wahrscheinlichkeit früh erkennen lässt. Insofern besteht eine Rationale, Antikörper wie Tocilizumab (RoActemra®, Roche) und Sarilumab (Kevzara®, Sanofi) bei diesen Patienten einzusetzen. Beide hemmen den über Interleukin-6 laufenden Signalweg, indem sie an den IL-6-Rezeptor binden und diesen blockieren.

Anfang April startete die placebokontrollierte, doppelblinde COVACTA-Studie, die Tocilizumab in Kombination mit der aktuellen Standardtherapie gegenüber dem Standard plus Placebo untersucht. Weltweit sollen Roche zufolge rund 330 Patienten an der Studie teilnehmen. Das LMU Klinikum München ist eines von fünf beteiligten Therapiezentren deutschlandweit. »Vor Ostern sind nun bereits die ersten beiden deutschen Patienten im Rahmen der Studie mit diesem Ansatz in München behandelt worden«, bestätigte Professor Dr. Michael von Bergwelt, der Hauptprüfer der LMU (Principal Investigator) ist.

Weltweit Studien mit Sarilumab

Mit Sarilumab ist Mitte März weltweit eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie der Phase II/III angelaufen. Beteiligt sind neben den USA inzwischen Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich, Kanada und Russland. Die Studie schließt Patienten mit einer Lungenentzündung ein, die wegen einer durch einen Labortest bestätigten SARS-CoV-2-Infektion im Krankenhaus behandelt werden und deren Krankheitsverlauf als schwer oder kritisch eingestuft wird oder die multiple Organfunktionsstörungen aufweisen. In Phase II der Studie werden die Patienten im Verhältnis 2 : 2 : 1 randomisiert in drei Gruppen eingeteilt: hohe Sarilumab-Dosis, niedrige Sarilumab-Dosis oder Placebo. Anschließend werden die Patienten für eine Dauer von 60 Tagen, bis zu ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus oder bis zu ihrem Tod weiter beobachtet.

Die Ergebnisse der Phase II werden im Rahmen des adaptiven Studiendesigns für den Übergang zur Phase III verwendet, um die spezifischen Endpunkte, die Patientenzahl und die Sarilumab-Dosis festzulegen. Sollten alle drei Behandlungsgruppen bis zum Ende der Studie fortgesetzt werden, geht Sanofi davon aus, dass etwa 300 Patienten in die Studie aufgenommen werden. Abhängig sei dies vom weiteren Verlauf der Coronavirus-Pandemie und vom Anteil der Patienten mit schwerer Covid-19-Erkrankung.

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