| Annette Rößler |
| 06.11.2026 13:00 Uhr |
Einen ersten »Proof of Concept«, dass eine immunmodulatorische Therapie die Erholung nach einem Schlaganfall verbessern kann, habe die EMPHASIS-Studie erbracht (»The Lancet« 2026, DOI: 10.1016/S0140-6736(25)01862-8). An dieser Studie hatten 1724 Patienten mit einem ischämischen Schlaganfall in China teilgenommen. Sie erhielten randomisiert und doppelblind entweder Minocyclin oder Placebo. Die erste Dosis betrug 200 mg und wurde den Patienten innerhalb von 72 Stunden nach dem Ereignis verabreicht, danach erhielten sie für die folgenden vier Tage alle zwölf Stunden 100 mg.
Drei Monate später hatten die Patienten in der Minocyclin-Gruppe signifikant häufiger ein sehr gutes funktionelles Ergebnis als die Patienten in der Placebogruppe: Einen Wert von 0 bis 1 auf der modifizierten Rankin Scale (mRS) erreichten in der Minocyclin-Gruppe 52,6 Prozent der Patienten und in der Placebogruppe 47,4 Prozent. Diesen Effekt führten die Autoren auf die entzündungshemmenden und immunmodulatorischen Eigenschaften von Minocyclin zurück. Sie bezeichnen das ZNS-gängige Antibiotikum als antineuroinflammatorischen Multi-Target-Arzneistoff.
»Welche immunologischen Mechanismen genau für diesen Effekt verantwortlich sind, muss weiter untersucht werden«, sagte Liesz. Einen potenziellen Ansatz, um die Erholung nach einem Schlaganfall gezielt zu fördern, sieht er in der Hemmung von IL-1β, um die AIM2-abhängige Immunaktivierung zu bremsen.
Einen weiteren Angriffspunkt könne der Lipidstoffwechsel darstellen: Eine 2025 im Fachjournal »Nature Metabolism« erschienene Studie habe gezeigt, dass sich nach einem Schlaganfall Cholesterol in Mikroglia, den Immunzellen des Gehirns, anreichert (DOI: 10.1038/s42255-025-01379-7). »Die Mikroglia räumen nach einem Schlaganfall das tote Gewebe weg, dabei reichern sie Lipide an«, erklärte der Referent. Laut den Studienergebnissen führt das zu einer dauerhaften Aktivierung der Mikroglia und zu einer Entzündungsreaktion.
»Die Reperfusion wird in der Akutphase des Schlaganfalls weiter im Mittelpunkt stehen, aber immunologische Therapien könnten sie künftig ergänzen«, fasste Liesz zusammen. Damit könnten einerseits die Regeneration unterstützt und andererseits Folgeerkrankungen und erneute Ereignisse verhindert werden.