| Annette Rößler |
| 06.11.2026 13:00 Uhr |
Bei einem Schlaganfall wird ein Bereich des Gehirns mit Sauerstoff unterversorgt. Neueren Erkenntnissen zufolge bleiben danach eine chronische Entzündung und eine Aktivierung des Immunsystems zurück. / © Adobe Stock/peterschreiber.media
»In der Akutversorgung von Schlaganfall-Patienten sind wir in den vergangenen Jahren immer besser geworden«, sagte Professor Dr. Arthur Liesz vom Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung an der LMU München bei einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Dank Thrombolyse, mechanischer Thrombektomie und verbesserter Versorgungsstrukturen könnten heute deutlich mehr Patienten erfolgreich behandelt werden als noch vor zehn bis 15 Jahren.
Doch auch nach einer erfolgreichen Akuttherapie bleibe das Risiko für gesundheitliche Komplikationen hoch. »Nach einem Schlaganfall ist das Risiko für Folgeschlaganfälle, aber auch für andere Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Lunge sowie des Stoffwechsels erhöht«, erklärte Liesz. Eine entscheidende Rolle spiele dabei das Immunsystem: Im Gegensatz zu Verletzungen in anderen Geweben bleibe Gehirngewebe nach einer Schädigung dauerhaft entzündet.
»Das ist, als würde an einer Stelle am Finger, in die man sich einmal geschnitten hat, auch nach dem Abheilen der Wunde noch eine Entzündung zurückbleiben«, verdeutlichte der Neurologe. Zudem blieben die Entzündungsprozesse nach einem Schlaganfall nicht lokal beschränkt – auch die Immunantwort außerhalb des Gehirns verändere sich.
Belege hierfür veröffentlichten Forschende aus seiner Arbeitsgruppe 2024 in zwei Publikationen in den Fachjournalen »Nature« und »Cell« (DOI: 10.1038/s41586-024-07803-4, 10.1016/j.cell.2024.06.028). In der ersten Arbeit konnte das Team im Mausmodell zeigen und später an menschlichen Zellproben bestätigen, dass ein Schlaganfall zu einer Aktivierung des AIM2-Inflammasoms in atherosklerotischen Plaques führt. AIM2 (Absent in Melanoma 2) ist ein zytoplasmatischer Sensor, der zirkulierende zellfreie DNA erkennt. Normalerweise werden so virale oder bakterielle Krankheitserreger identifiziert und durch eine Aktivierung des angeborenen Immunsystems beseitigt. Nach einem Schlaganfall führt dieser Mechanismus jedoch zu einer Destabilisierung von atherosklerotischen Plaques, was die Gefahr von Folgeereignissen erhöht.
In der zweiten Studie fanden die Forschenden heraus, dass ein Schlaganfall eine Art immunologisches Gedächtnis im angeborenen Immunsystem hinterlässt: Monozyten und Makrophagen bleiben nach dem Ereignis bis zu drei Monate lang in einem aktivierten Zustand. Im Herzen verursachen sie Fibrose und eine eingeschränkte Herzfunktion. Als zentralen Treiber identifizierten die Forschenden das Zytokin Interleukin-1β (IL-1β).
»Wir müssen den Schlaganfall künftig als systemische Erkrankung verstehen. Die Immunantwort verbindet das geschädigte Gehirn mit anderen Organen und trägt wesentlich zu den Folgeerkrankungen bei«, sagte Liesz. Das Bild sei jedoch komplex, denn bestimmte Immunzellen und Signalwege im geschädigten Hirngewebe hätten auch eine positive Wirkung: Sie unterstützten Reparaturprozesse und die neuronale Plastizität. Um potenzielle therapeutische Ansatzpunkte zu identifizieren, müsse man daher noch genauer erforschen, welche Faktoren sich schädlich und welche günstig auswirken.
Einen ersten »Proof of Concept«, dass eine immunmodulatorische Therapie die Erholung nach einem Schlaganfall verbessern kann, habe die EMPHASIS-Studie erbracht (»The Lancet« 2026, DOI: 10.1016/S0140-6736(25)01862-8). An dieser Studie hatten 1724 Patienten mit einem ischämischen Schlaganfall in China teilgenommen. Sie erhielten randomisiert und doppelblind entweder Minocyclin oder Placebo. Die erste Dosis betrug 200 mg und wurde den Patienten innerhalb von 72 Stunden nach dem Ereignis verabreicht, danach erhielten sie für die folgenden vier Tage alle zwölf Stunden 100 mg.
Drei Monate später hatten die Patienten in der Minocyclin-Gruppe signifikant häufiger ein sehr gutes funktionelles Ergebnis als die Patienten in der Placebogruppe: Einen Wert von 0 bis 1 auf der modifizierten Rankin Scale (mRS) erreichten in der Minocyclin-Gruppe 52,6 Prozent der Patienten und in der Placebogruppe 47,4 Prozent. Diesen Effekt führten die Autoren auf die entzündungshemmenden und immunmodulatorischen Eigenschaften von Minocyclin zurück. Sie bezeichnen das ZNS-gängige Antibiotikum als antineuroinflammatorischen Multi-Target-Arzneistoff.
»Welche immunologischen Mechanismen genau für diesen Effekt verantwortlich sind, muss weiter untersucht werden«, sagte Liesz. Einen potenziellen Ansatz, um die Erholung nach einem Schlaganfall gezielt zu fördern, sieht er in der Hemmung von IL-1β, um die AIM2-abhängige Immunaktivierung zu bremsen.
Einen weiteren Angriffspunkt könne der Lipidstoffwechsel darstellen: Eine 2025 im Fachjournal »Nature Metabolism« erschienene Studie habe gezeigt, dass sich nach einem Schlaganfall Cholesterol in Mikroglia, den Immunzellen des Gehirns, anreichert (DOI: 10.1038/s42255-025-01379-7). »Die Mikroglia räumen nach einem Schlaganfall das tote Gewebe weg, dabei reichern sie Lipide an«, erklärte der Referent. Laut den Studienergebnissen führt das zu einer dauerhaften Aktivierung der Mikroglia und zu einer Entzündungsreaktion.
»Die Reperfusion wird in der Akutphase des Schlaganfalls weiter im Mittelpunkt stehen, aber immunologische Therapien könnten sie künftig ergänzen«, fasste Liesz zusammen. Damit könnten einerseits die Regeneration unterstützt und andererseits Folgeerkrankungen und erneute Ereignisse verhindert werden.