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Kommentar
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2026 – ein Wendepunkt in der Onkologie?

Die Onkologie erlebt derzeit eine bemerkenswerte Verdichtung wissenschaftlicher Durchbrüche. Das Jahr 2026 könnte rückblickend sogar als eines der folgenreichsten in die Geschichte der Krebsmedizin eingehen, meint Professor Dr. Theo Dingermann.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 21.08.2026  18:00 Uhr

Für die jüngsten großen Fortschritte in der Onkologie stehen vor allem zwei Entwicklungen: der klinische Erfolg neuer KRAS-gerichteter Therapien und – möglicherweise noch grundsätzlicher – der Durchbruch personalisierter mRNA-Krebsimpfstoffe.

Besonders spektakulär ist das positive Ergebnis der Phase-III-Studie von MSD und Moderna mit einer personalisierten mRNA-Neoantigen-Vakzine beim operierten Melanom. Noch liegen die detaillierten Studiendaten nicht vor. Dennoch ist bereits die Nachricht, dass die zulassungsrelevante Studie ihren primären Endpunkt erreicht hat, von erheblicher Bedeutung: Erstmals hat sich das Konzept einer individuell auf die Mutationen eines Tumors zugeschnittenen Neoantigen-Vakzine in einer Phase-III-Studie bewährt.

Damit könnte eine Technologie klinisch erwachsen werden, deren Grundidee ebenso elegant wie anspruchsvoll ist. Krebszellen akkumulieren Mutationen, aus denen veränderte Proteine und schließlich Peptide entstehen können, die über MHC-Moleküle auf der Zelloberfläche präsentiert werden. Solche ausschließlich im Tumor vorkommenden Neoantigene sind für das Immunsystem erkennbar, da sie bei der Ausbildung der immunologischen Selbsttoleranz nicht vorhanden waren. Grundsätzlich steht daher ein T-Zell-Repertoire zur Verfügung, das diese Neoantigene als fremd erkennt und so den Tumor bekämpfen kann.

So plausibel und zielführend dieses Prinzip klingt, so herausfordernd war die erfolgreiche Umsetzung in der Klinik. Aus Hunderten Tumormutationen müssen diejenigen herausgefiltert werden, die in Form kleiner Peptide tatsächlich auf MHC präsentiert werden und eine wirksame T-Zell-Antwort auslösen.

Die ausgewählten Neoantigene werden dann schließlich als mRNA codiert und dem Patienten als maßgeschneiderter Impfstoff verabreicht. Drei technologische Entwicklungen haben dieses Konzept erst praktikabel gemacht: kostengünstiges Next-Generation Sequencing, die mRNA-Technologie als effizientes Instrument zur Induktion zellulärer Immunantworten und Checkpoint-Inhibitoren, die verhindern, dass aktivierte tumorspezifische T-Zellen wieder ausgebremst werden. Krebsimpfung und Checkpoint-Blockade ergänzen sich damit mechanistisch.

Dass dieses Prinzip nicht auf das Melanom beschränkt sein muss, zeigen erste Signale beim Pankreaskarzinom. In einer kleinen Studie mit der personalisierten mRNA-Vakzine BNT122 entwickelten acht von 16 operierten Patienten eine messbare T-Zell-Antwort. Nach sechs Jahren waren sieben dieser acht Patienten noch am Leben und rezidivfrei. Allerdings handelt es sich bislang um eine kleine, nicht kontrollierte Studie. Eine derzeit laufende randomisierte Phase-II-Prüfung muss zeigen, wie viel des beobachteten Effekts tatsächlich der Impfung zuzuschreiben ist.

Parallel dazu fällt eine zweite lange Zeit kaum überwindbar erscheinende Bastion. Mutationen im KRAS-Onkogen gehören zu den häufigsten Treibern solider Tumoren, insbesondere bei Pankreas-, Kolorektal- und Lungenkarzinomen. Nachdem KRAS jahrzehntelang als »undruggable« galt, zeigen neue, direkt gegen mutiertes KRAS gerichtete Wirkstoffe, vor allem der RAS(ON)-Inhibitor Daraxonrasib, erstaunliche klinische Wirksamkeit. Zusammen mit dem Durchbruch der Neoantigen-Vakzine markiert diese Entwicklung geradezu eine historische Konstellation.

Noch ist Zurückhaltung angebracht. Das Melanom ist besonders immunogen, und ob personalisierte Krebsimpfstoffe auch bei Lungen-, Nieren-, Blasen- oder anderen Tumoren funktionieren, bleibt offen. MSD und Moderna prüfen das Konzept bereits in neun Phase-II- und Phase-III-Studien. Abzuwarten bleibt auch, wie sich Daraxonrasib in der Erstlinientherapie eines duktalen Adenokarzinoms des Pankreas verhält.

In jedem Fall markiert 2026 bereits jetzt ein für Fortschritte in der Tumortherapie herausragendes Jahr, in dem Tumorgenom-Sequenzierung, Bioinformatik, Immuntherapie auf Basis der mRNA-Technologie und hochselektive Wirkstoffe beginnen, ineinanderzugreifen. Aus personalisierter Onkologie wird damit zunehmend eine technisch tatsächlich realisierbare Therapieplattform.

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