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Chromosome
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Wie X und Y unsere Gesundheit beeinflussen

Jahrzehntelang galten die Geschlechtschromosomen als wissenschaftliches Randthema. Verkürzt wurden das Y-Chromosom als genetische Ruine, das inaktive X als stummes Beiwerk betrachtet. Dieses Bild revidiert die Forschung gerade grundlegend. Gene auf den X- und Y-Chromosomen sind maßgeblich an geschlechtsspezifischen Unterschieden bei häufigen Erkrankungen beteiligt. Betroffen sind Autoimmunerkrankungen und Krebs, kardiovaskuläre und metabolische Erkrankungen sowie Demenz und Autismus.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 24.04.2026  13:30 Uhr

Bemerkenswertes tut sich gerade im Bereich der Forschung rund um die Geschlechtschromosomen X und Y. Den wichtigsten Erkenntnissen aus diesen Forschungsaktivitäten widmet sich ein News-Feature im Fachjournal »Nature«. Die Wissenschaftsjournalistin Dr. Claire Ainsworth hat mit Forschenden auf diesem Feld gesprochen und bemerkenswerte neue Erkenntnisse zusammengefasst.

Den Ausgangspunkt der neuen Erkenntnisse bildet ein klassisches Problem der Dosiskompensation. Da Frauen zwei X-Chromosomen besitzen, Männer jedoch nur eines, wird bei Frauen typischerweise eines der beiden X-Chromosomen durch ein langes RNA-Molekül inaktiviert. Diese RNA, die von den X-Chromosomen selbst gebildet wird, sobald zwei davon in einer Zelle präsent sind, wird als Xist (Xi) bezeichnet. Doch diese Inaktivierung ist keine binäre Abschaltung. Denn mindestens 20 Prozent der Xi-Gene entkommen der Inaktivierung (»Escape-Gene«). Offensichtlich kann deren Expression tiefgreifende Auswirkungen auf das gesamte Genom haben.

Statine: Warum Frauen eher Myopathien entwickeln

Ein besonders anschauliches Beispiel stammt aus der Arbeitsgruppe der UCLA-Genetikerin Professor Dr. Karen Reue. Sie studiert Statin-Nebenwirkungen, vor allem Muskelschmerzen unter einer Statintherapie, die bei Frauen doppelt so häufig auftreten wie bei Männern. Die naheliegende Vermutung, die Ursache für dieses geschlechtsspezifische Problem liege im Hormonstatus, erwies sich als falsch. Stattdessen identifizierte Reues Team das Xi-Escape-Gen »Kdm5c« als zentralen Faktor.

Das Kdm5c-Gen codiert für eine Histondemethylase der KDM5-Familie (Lysine Demethylase 5C). Das Enzym katalysiert spezifisch die Demethylierung von tri- und dimethyliertem Histon H3 an Lysin 4 (H3K4me3/me2) und agiert damit als epigenetischer Repressor, indem es aktive Methylierungsmarken entfernt und so die Transkription seiner Zielgene hemmt.

Die Expression dieses Escape-Gens stört die Fettsäurebiosynthese, insbesondere die Produktion von Docosahexaensäure (DHA), eine langkettige, mehrfach ungesättigte Fettsäure, die zur Gruppe der Omega-3-Fettsäuren gehört.

Bemerkenswert ist der therapeutische Ansatz, der sich daraus ableitet: Eine DHA-Supplementierung durch Fischöl konnte metabolische Statin-Nebenwirkungen in weiblichen Mäusen teilweise umkehren. Darüber hinaus korreliert eine erhöhte KDM5C-Expression im Fettgewebe beim Menschen auch mit einem höherem BMI, während eine Suppression der KDM5C-Expression im Mausmodell die Bildung von thermogenem braunem Fettgewebe fördert.

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