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Passive Immunisierung

Wie Plasmaspenden Covid-19-Patienten das Leben retten könnten

Wenn die Rede von Therapieoptionen für Covid-19-Kranke ist, fällt oft auch der Begriff »passive Immunisierung«. Antikörper aus dem Plasma genesener Patienten sollen denjenigen helfen, die erkrankt sind. In Deutschland ruft zum Beispiel die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) geheilte Covid-19-Patienten auf, sich zur Rekonvaleszenten-Plasmaspende zu melden. Auch die Lymphozytenspende, ein anderes Verfahren, ist hier möglich.
Sven Siebenand
27.03.2020  14:56 Uhr

Personen, die mindestens vier Wochen nach einer SARS-CoV-2-Infektion genesen sind, können sich beim Blutspendedienst über die Rekonvaleszenten-Plasmaspende informieren, heißt es auf der Website der Klinik. In einem Video erläutern die beiden MHH-Professoren Dr. Rainer Blasczyk und Dr. Axel Haverich die Idee, die vor allem eine Überbrückung darstellen soll, bis ein Impfstoff gegen SARS-CoV-2 verfügbar ist.

»Eine Impfung ist eine aktive Immunisierung, der Transfer von Plasma eine passive Immunisierung«, stellt Blasczyk klar. Das Verfahren schütze nicht sehr lange, schätzungsweise maximal drei Monate. Dennoch kann das Verfahren Erkrankten helfen über die kritische Zeit hinwegzukommen, in der sie selbst noch nicht genügend eigene Antikörper gebildet haben. Blascyzk informiert, dass der Einsatz bei schwerkranken Patienten geplant ist, er sich aber auch vorstellen könne, das Plasma leichter erkrankten Personen zu verabreichen, damit sich ihr Krankheitszustand gar nicht erst verschlechtert. Wenn man genug Plasma zur Verfügung hätte, könnte man es laut dem Mediziner auch bestimmten Gruppen, die noch gar nicht erkrankt sind, verabreichen, beispielsweise Menschen, die zu den Risikogruppen zählen oder im Gesundheitsbereich arbeiten.

Haverich informiert, dass es vor allem aus China erste Erfahrungen mit Rekonvaleszenten-Plasma bei Covid-19-Patienten gibt und dort klinische Studien in Vorbereitung seien. Man stehe mittlerweile im Kontakt mit einem chinesischen Studienzentrum. »Unser Plan wird es sein, an der Medizinischen Hochschule Hannover eigenes Serum von Patienten zu gewinnen und dann für die beschriebenen Zwecke anzuwenden.« Voraussetzungen seien, dass die Spender die Krankheit sicher gehabt haben und dass diese sicher ausgeheilt ist. 

Altes Prinzip

Das Prinzip der passiven Immunisierung ist uralt und wurde zum Beispiel bereits während der Spanischen Grippe vor mehr als hundert Jahren angewendet. Auch während der SARS- und MERS-Epidemie sowie bei Ebola-Ausbrüchen in Afrika hat man mit diesem Verfahren Erfahrungen sammeln können.  Während der aktuellen Coronavirus-Pandemie ziehen weltweit immer mehr Länder den Einsatz von Rekonvaleszenten-Plasma in Betracht. Vor drei Tagen klassifizierte beispielsweise die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA Rekonvaleszenten-Plasma als »neues Prüfpräparat« gegen Covid-19, was es Ärzten nun ermöglicht, es zur Behandlung von Patienten mit schweren oder lebensbedrohlichen Covid-19-Erkrankungen im compassionate Use einzusetzen. Beispielsweise »Nature« berichtet, dass sich Krankenhäuser der stark betroffenen Metropole New York City auf den Einsatz  bereits vorbereiten.

Von Vorteil an der Plasmaspende ist, dass die zellulären Bestandteile des Bluts in der Regel dem Körper des Spenders wieder zugeführt werden und sie damit häufiger möglich ist als eine Vollblutspende. Der Blutspendedienst des Deutschen Roten Kreuzes nennt bis zu 60 Spenden pro Jahr, wobei zwischen zwei Spenden mindestens zwei Tage, idealerweise sieben Tage liegen sollten.

Eine Lymphozytenspende ist dagegen seltener möglich. Aber auch diese von genesenen Patienten gewonnenen Immunzellen wollen die Mediziner in Hannover bei Covid-19-Patienten testen. Möglicherweise sind bei bestimmten Patienten statt Antikörpern eher Lymphozyten erforderlich, so Blasczyk im Gespräch mit der PZ. Der Transfusionsmediziner weist darauf hin, dass ein genesener Covid-19-Patient beides spenden kann, aber nicht beides gleichzeitig. »Theoretisch kann er in der einen Woche Plasma und in der nächsten oder übernächsten Woche Lymphozyten spenden.« 

Ob Plasmaspende oder Lymphozytenspende: Blasczyk weist auf die Bedeutung von Studien in unterschiedlichen Settings hin. Besonders viel verspricht er sich zum Beispiel vom Einsatz des Rekonvaleszenten-Plasmas bei Patienten mit leichter Covid-19-Erkrankung. »Wir können bisher nicht vorhersagen, wer aus dieser Patientengruppe später schwer erkranken wird.« Wenn die Krankheit schon sehr weit fortgeschritten ist und die Lungenfunktion sehr stark nachgelassen hat, könnten die Antikörper möglicherweise zu spät kommen. 

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