| Theo Dingermann |
| 17.04.2026 07:00 Uhr |
Lange galt als gesichert, dass CTC-Cluster bei Krebspatienten zwar vorhanden, aber ausgesprochen selten seien. Im Blut eines Krebskranken kommt auf etwa 10 Milliarden normale Blutzellen nur eine einzige Tumorzelle. Cluster sind hingegen noch viel seltener, so der Konsens.
Das stellte jedoch der Bioingenieur an der McGill University in Montreal, Professor Dr. David Juncker, infrage. Er vermutete, dass gängige Nachweismethoden viele Cluster durch mechanischen Stress aufbrechen, bevor sie erfasst werden können. Sein Team entwickelte daher eine schonendere Methode, bei der Blut langsam durch vertikale Filterröhren fließt – ohne den Druck einer Pumpe. Das Ergebnis, das die Forschenden 2025 im Fachblatt »Communications Medicine« veröffentlichten, war verblüffend: Bei allen 30 untersuchten Krebspatienten ließen sich Cluster nachweisen und bei zehn von ihnen waren Cluster sogar häufiger als einzelne zirkulierende Tumorzellen.
Diese Befunde haben direkte klinische Relevanz: Je mehr Cluster im Blut zirkulieren, desto fortgeschrittener und aggressiver ist in der Regel die Erkrankung. Daten aus Tiermodellen zeigen, dass CTC-Cluster um das 50- bis 100-Fache erfolgreicher sind, eine Metastase zu bilden, als Einzelzellen.
CTC-Cluster sind keine zufälligen Ansammlungen von Zellen. Forschende haben festgestellt, dass sie sich aktiv organisieren und anpassen. Untersuchungen an Melanomzellen in Zebrafischen zeigten, dass Cluster häufig eine funktionale Arbeitsteilung aufweisen. So positionieren sich invasionsspezialisierte Zellen außen und schützen womöglich die innen liegenden, proliferativen Zellen vor dem Immunsystem.
Zudem verändern Cluster bei Bedarf ihre Form. Viele Klumpen sind zu groß, um Kapillaren ungehindert zu passieren. Dennoch schaffen sie es, durch die feinen Gefäße zu kommen, indem die Zellkugeln sich zu Ketten ausdehnen. Nach Passage der Kapillaren nehmen sie dann innerhalb von Sekunden wieder ihre ursprüngliche Kugelform an.
Außerdem können nicht kanzeröse Zellen in die Cluster integriert sein. Blutplättchen, Immunzellen wie Neutrophile und Myeloidzellen sowie Fibroblasten begleiten die Tumorzellen und tragen zu deren Überleben bei.