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Darreichungsformen

Wie kommt der Arzneistoff ins Kind?

Kindern etwas verabreichen zu wollen, das sie nicht mögen, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Das gilt auch für Arzneimittel. Kindgerechte Darreichungsformen sind deshalb gefragt. Sie sind oft eine Domäne der Rezeptur.
Annette Mende
06.09.2019
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Die mit Abstand gebräuchlichste orale Arzneiform bei Erwachsenen ist die Tablette. Für Kinder bis zum Vorschulalter ist sie aber meist ungeeignet, denn die Kleinen verstehen noch nicht, dass sie die Tablette schlucken sollen oder haben Probleme damit. Außerdem ist die Dosierung in einer Tablette starr vorgegeben und für Kinder meistens zu hoch.

Das hat auch die EU erkannt und deshalb den sogenannten PUMA-Prozess etabliert (Paediatric Use Marketing Authorization). Er soll Hersteller durch ein vereinfachtes Zulassungsverfahren und andere Vergünstigungen dazu motivieren, bei Erwachsenen etablierte Wirkstoffe in kindgerechten Darreichungsformen auf den Markt zu bringen. »Allerdings gibt es bislang erst sechs Präparate mit PUMA-Zulassung auf dem Markt«, sagte Professor Dr. Rolf Daniels, pharmazeutischer Technologe an der Universität Tübingen, beim Tag der Offizinpharmazie der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG) in Heidelberg.

Die Erleichterungen bei der Zulassung sind nämlich nur die eine Seite der Medaille. Ein anderer, für die Hersteller sehr wichtiger Aspekt der Erstattungspreis des Medikaments. Dieser hängt in Deutschland von der frühen Nutzenbewertung durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit (IQWiG) und den anschließenden Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) ab. Und hier liegt der Hase im Pfeffer: Von den sechs PUMA-Präparaten wurden Buccolam® und Kigabeq® (noch) nicht bewertet, Hemangiol® wurde ein Zusatznutzen bescheinigt, Alkindi® dagegen nicht. Bei Slenyto® und Sialanar® waren sich IQWiG und G-BA uneins: Das IQWiG konnte keinen Zusatznutzen erkennen, der G-BA dagegen schon.

Die Unsicherheit über den zu erzielenden Preis dämpft das Engagement der Hersteller für PUMA-Präparate deutlich. »Die Rezeptur muss somit bei Kinderarzneimitteln eine große Lücke schließen«, sagte Daniels. Welche Arzneiform für ein Kind am besten geeignet sei, hänge stark von dessen Entwicklungsphase ab. Bei kleinen Kindern seien als orale Arzneiformen meist Liquida zu bevorzugen.

»Für Liquida spricht, dass die Applikation, die exakte Dosierung und die Herstellung in der Apotheke relativ einfach sind«, sagte Daniels. Gegenargumente seien mögliche Probleme bei der chemischen und / oder mikrobiologischen Stabilität, bei Suspensionen zusätzlich eine mögliche Sedimentation beziehungsweise Kuchenbildung und nicht zuletzt der unangenehme Geschmack vieler Arzneistoffe, der sich mit Aromastoffen nur bedingt maskieren lässt.

Um die mikrobiologische Stabilität zu gewährleisten, muss in der Regel ein Konservierungsmittel zugesetzt werden. Zwar gebe es für nahezu alle Konservierungsmittel Anwendungsbeschränkungen bei Kindern, dennoch fänden sich alle gebräuchlichen Konservierungsmittel auch in pädiatrischen Fertigarzneimitteln. »Das geringste Übel sind Kaliumsorbat und Methylparaben«, sagte Daniels. Zu vermeiden sei dagegen Propylparaben wegen dessen hormoneller Wirkung. Als Tipp könnten Apotheker Eltern mit auf den Weg geben, dass konservierte Zubereitungen besser bei Raumtemperatur als im Kühlschrank aufbewahrt werden. »Bakterien wachsen zwar im Kühlschrank langsamer, aber das Konservierungsmittel funktioniert dort auch schlechter«, informierte Daniels.

Für die Herstellung von Liquida in der Apotheke stehen diverse industrielle Grundlagen zur Verfügung. Beispiele sind Ora-Plus®, Ora-Sweet®, Ora-Blend®, InOrpha® sowie SyrSpend® SF in verschiedenen Varianten. Diese erlaubten eine schnelle und einfache Herstellung, seien andererseits aber vergleichsweise teuer und nicht variabel, so Daniels. Er empfahl stattdessen die NRF-Stammzubereitung S.52. als »übersichtliche Formulierung, die man für viele Zwecke einsetzen kann«.

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