Parallel zu diesem langsam fortschreitenden Prozess sind erst ab dem 17. Jahrhundert die Häusernamen regelmäßig auch als Attribute der darin untergebrachten Apotheken belegt. Im 18. Jahrhundert begann dann das Nummerierungssystem die Häusernamen zu verdrängen beziehungsweise abzulösen. Einige Institutionen behielten sie dennoch bei – als Charakteristikum und Alleinstellungsmerkmal.
Das Attribut »Zum Adler«, »Zum Goldenen Löwen« oder »Zum Goldenen Hirschen« bezeichnete also kein beliebiges Stadthaus mehr, sondern nun meist eine Apotheke oder ein Gasthaus. Im Umkehrschluss sind die heute als apothekenspezifisch wahrgenommenen Namen tatsächlich ganz allgemeine, aus der heraldischen Praxis abgeleitete Häusernamen. Wie bereits im 18. Jahrhundert ein Physikus und Sanitätsrat in Regensburg lapidar feststellte: »Die Apotheken werden von dem Schild benannt, den das Haus, worin sie ihre Apotheke aufgestellt haben, führte.« Das heißt, den Namen führte zunächst das Haus, nicht die Apotheke.
Die Genese eines Apothekennamens lässt sich gut anhand der Einhorn-Apotheke in Speyer nachvollziehen: 1457 ist diese erstmals als »untere Apotheke am Markt« nachweisbar, 1633 als »Apotheke am Markht« beziehungsweise »Apotheckhe uff dem Marckht«. 1675 bezeugt ein Taufbucheintrag einen, »H. Johannes Fabricius (…), Apothecker im Einhorn«. In einer Stadtbeschreibung von 1679 wird die »Apoteckh Zum Einhorn H. Johann Conrad Schwanckhardt allhir« aufgeführt. In einer weiteren Stadtbeschreibung knapp 100 Jahre später findet sich erstmals die Bezeichnung »Einhorn-Apotek«.
»Zum Einhorn« ist noch nicht als Apothekenname, sondern als Häusername zu verstehen – daher auch die Bezeichnungen: »Apotheker im Einhorn«, »Apotheke zum Einhorn«. Dieselbe Reihenfolge – erst Häusername, dann Apothekenname – gilt für alle vom 15. bis ins beginnende 18. Jahrhundert gegründeten Betriebe.
Ein sehr frühes Beispiel für den Übertrag eines Häusernamens auf eine Offizin ist die Apotheke »Zum roten Krebs« in Wien. Das Haus, in dem der Betrieb 1435 gegründet wurde, wird erstmals 1327 als Krebsen- oder Ziegelhaus erwähnt. Aus der Lage am Fischmarkt hat sich ein Häusername entwickelt, »ad cancrum rubrum«, der schon früh eindeutig auf die Apotheke übertragen wurde. Denn beim Umzug der Apotheke 1616/1624 in ein anderes Haus zog das Attribut »Zum roten Krebs« mit um.
Der entscheidende Schritt vom Häuser- zum Apotheken-Eigennamen aber vollzog sich erst im 18. Jahrhundert. Seitdem war es dann auch möglich, Eigennamen gezielt zu wählen. Daher konnten Apothekennamen im 19. Jahrhundert zum politischen Bekenntnis werden. Der sprunghafte Anstieg von Adler-Apotheken, der seinen Höhepunkt zur Zeit der Reichsgründung 1871 erreichte, spiegelt die postnapoleonische Nationalismusbewegung sowie das Ringen um einen deutschen Nationalstaat wider.
Ein Namensranking deutscher Apotheken auf der Grundlage des Reichs-Apotheker-Registers von 1937 zeigt, dass an erster Stelle der Adler und an zweiter der Löwe steht. Im Gegensatz zum Adler symbolisiert der Löwe heraldisch betrachtet nicht das »Reich«, sondern die »Landesherrschaft«. Die topografische Verteilung der Wahrzeichen verrät, dass der Adler besonders dicht in den ehemaligen Herrschaftsgebieten des Königreichs Preußen, der Löwe dagegen in Bayern beziehungsweise im Einflussbereich der Wittelsbacher vertreten ist.