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Adler, Brunnen, Paracelsus
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Wie Apotheken zu ihren Namen kamen

Auch wenn uns ihre Bilder- und Symbolwelt inzwischen fremd geworden ist: Apothekenwahrzeichen bleiben Eyecatcher. Ihre Geschichte begann zwar im Spätmittelalter, frei wählbar waren die Eigenamen jedoch erst viel später.  
AutorKontaktAnne Roestel
Datum 17.04.2026  18:00 Uhr

Seit dem Jahr 1951 sind deutsche Apotheken am roten Apotheken-A zu erkennen. Viele von ihnen tragen zusätzlich eigene Namen – wie etwa Adler-Apotheke, Löwen-Apotheke oder Marien-Apotheke. In Süddeutschland sind die Stadtapotheken verbreitet, in Norddeutschland die Ratsapotheken. Beide Namen verweisen auf die Ursprünge dieser Betriebe als öffentlich-städtische Institutionen und ein damit einhergehendes spezielles Rechtsverhältnis. Sie wurden meist bereits im 15. Jahrhundert gegründet.

Paracelsus- und Hippokrates-Apotheken hingegen berufen sich auf historische Persönlichkeiten aus Pharmazie- und Medizingeschichte – eine recht junge Variante der Namensgebung. Und eine Richard-Wagner-Apotheke heißt meist so, weil sie sich in einer gleichnamigen Straße befindet. Der Name dient hier eher der Standortbestimmung. Das gilt für den Großteil der Apothekennamen in Deutschland. Dazu zählen Bezeichnungen wie »Apotheke am Markt«, »Apotheke im Rewe-Center«, »Apotheke an der Hauptpost« oder auch eine »Brunnenapotheke« – selbst wenn der Brunnen längst nicht mehr existiert. Diese Art der Bezeichnung ist die weitaus älteste. Sie dient der Verortung in der Topografie einer Stadt, bevor es Hausnummern, Straßennamen, Karten und Navigationsgeräte gab.

Mittelalterliche Heraldik

Ungewöhnlicher als jene Namen, die sich von Lage oder Funktion ableiten lassen, sind solche aus dem Reich der Tiere und Legenden. Wie kam es zu solch geheimnisvollen, mittelalterlich anmutenden Benennungen nach Fabelwesen, Wildtieren, Engeln oder Heiligen? Eigentlich begann alles im Spätmittelalter mit der Namensgebung für Häuser in großen Städten, ausgehend von Basel und vor allem Köln. Was heute kaum noch bekannt ist: im 12. Jahrhundert war Köln mit etwa 50.000 Einwohnern zeitweise die größte Stadt Europas, größer noch als Paris oder London – seinerzeit eine echte Metropole.

Die frühesten Häusernamen sind in Köln um das Jahr 1150 belegt, wie beispielsweise das Haus »Zum Bären«, mit steinernem Hauszeichen in Bärenform. Sie dienten der Orientierung und Unterscheidung. Erst im 17. Jahrhundert war die Vergabe von Häusernamen so weit fortgeschritten, dass in manchen Regionen fast jedes Haus im Stadtkern einen eigenen Namen besaß. Die Hausnummerierung, wie wir sie heute kennen, erfolgte erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts nach französischem Vorbild.

Die Motive für die Häusernamen, die auf Holzschildern, Steinmetzarbeiten oder Fresken an der Fassade häufig bildlich dargestellt waren, entstammen dem Formenrepertoire der mittelalterlichen Heraldik. Dazu gehören Wild- und Fabeltiere, aber auch Marien-, Stern- und Heiligenfiguren. Besonders beliebte Wappenmotive wie Adler, Löwe oder Hirsch ergänzte man zur besseren Unterscheidung durch heraldische Farben: rot, weiß, schwarz oder gold.

Hausnummern ersetzen Häusernamen

Parallel zu diesem langsam fortschreitenden Prozess sind erst ab dem 17. Jahrhundert die Häusernamen regelmäßig auch als Attribute der darin untergebrachten Apotheken belegt. Im 18. Jahrhundert begann dann das Nummerierungssystem die Häusernamen zu verdrängen beziehungsweise abzulösen. Einige Institutionen behielten sie dennoch bei – als Charakteristikum und Alleinstellungsmerkmal.

Das Attribut »Zum Adler«, »Zum Goldenen Löwen« oder »Zum Goldenen Hirschen« bezeichnete also kein beliebiges Stadthaus mehr, sondern nun meist eine Apotheke oder ein Gasthaus. Im Umkehrschluss sind die heute als apothekenspezifisch wahrgenommenen Namen tatsächlich ganz allgemeine, aus der heraldischen Praxis abgeleitete Häusernamen. Wie bereits im 18. Jahrhundert ein Physikus und Sanitätsrat in Regensburg lapidar feststellte: »Die Apotheken werden von dem Schild benannt, den das Haus, worin sie ihre Apotheke aufgestellt haben, führte.« Das heißt, den Namen führte zunächst das Haus, nicht die Apotheke.

Die Genese eines Apothekennamens lässt sich gut anhand der Einhorn-Apotheke in Speyer nachvollziehen: 1457 ist diese erstmals als »untere Apotheke am Markt« nachweisbar, 1633 als »Apotheke am Markht« beziehungsweise »Apotheckhe uff dem Marckht«. 1675 bezeugt ein Taufbucheintrag einen, »H. Johannes Fabricius (…), Apothecker im Einhorn«. In einer Stadtbeschreibung von 1679 wird die »Apoteckh Zum Einhorn H. Johann Conrad Schwanckhardt allhir« aufgeführt. In einer weiteren Stadtbeschreibung knapp 100 Jahre später findet sich erstmals die Bezeichnung »Einhorn-Apotek«.

»Zum Einhorn« ist noch nicht als Apothekenname, sondern als Häusername zu verstehen – daher auch die Bezeichnungen: »Apotheker im Einhorn«, »Apotheke zum Einhorn«. Dieselbe Reihenfolge – erst Häusername, dann Apothekenname – gilt für alle vom 15. bis ins beginnende 18. Jahrhundert gegründeten Betriebe.

Topografische Verteilung der Wahrzeichen

Ein sehr frühes Beispiel für den Übertrag eines Häusernamens auf eine Offizin ist die Apotheke »Zum roten Krebs« in Wien. Das Haus, in dem der Betrieb 1435 gegründet wurde, wird erstmals 1327 als Krebsen- oder Ziegelhaus erwähnt. Aus der Lage am Fischmarkt hat sich ein Häusername entwickelt, »ad cancrum rubrum«, der schon früh eindeutig auf die Apotheke übertragen wurde. Denn beim Umzug der Apotheke 1616/1624 in ein anderes Haus zog das Attribut »Zum roten Krebs« mit um.

Der entscheidende Schritt vom Häuser- zum Apotheken-Eigennamen aber vollzog sich erst im 18. Jahrhundert. Seitdem war es dann auch möglich, Eigennamen gezielt zu wählen. Daher konnten Apothekennamen im 19. Jahrhundert zum politischen Bekenntnis werden. Der sprunghafte Anstieg von Adler-Apotheken, der seinen Höhepunkt zur Zeit der Reichsgründung 1871 erreichte, spiegelt die postnapoleonische Nationalismusbewegung sowie das Ringen um einen deutschen Nationalstaat wider.

Ein Namensranking deutscher Apotheken auf der Grundlage des Reichs-Apotheker-Registers von 1937 zeigt, dass an erster Stelle der Adler und an zweiter der Löwe steht. Im Gegensatz zum Adler symbolisiert der Löwe heraldisch betrachtet nicht das »Reich«, sondern die »Landesherrschaft«. Die topografische Verteilung der Wahrzeichen verrät, dass der Adler besonders dicht in den ehemaligen Herrschaftsgebieten des Königreichs Preußen, der Löwe dagegen in Bayern beziehungsweise im Einflussbereich der Wittelsbacher vertreten ist.

Sammlung von Apothekenwahrzeichen

Das Deutsche Apotheken-Museum in Heidelberg besitzt die weltweit umfangreichste Sammlung von historischen Apothekenwahrzeichen. Die ältesten dieser Sammlung sind bemalte Holzschilder. So beispielsweise das Schild der Stadtapotheke Füssen aus dem Jahr 1696, welches zugleich eine Ausnahme bildet. Das Schild zeigt zwar einen Pelikan, aber die Apotheke heißt nicht »Zum Pelikan«, sondern es handelt sich um eine Stadtapotheke. In diesem Fall ist der Pelikan das Familienwappen des aus Norddeutschland zugezogenen Apothekers.

Vollplastische Wahrzeichen sind beispielsweise der prächtige Löwe der Mannheimer Löwen-Apotheke, der Kriegselefant der traditionsreichen Regensburger Elefanten-Apotheke oder der goldene Hirsch der Heidelberger Hirsch-Apotheke. Auch wenn uns die Bilder- und Symbolwelt vergangener Jahrhunderte fremd geworden ist: Apothekenwahrzeichen üben bis heute ihre Faszination auf Betrachterinnen und Betrachter aus.

Apothekenschild der Stadtapotheke Füssen, 1696 / © Deutsche Apotheken Museum-Stiftung
Emblem der Elefanten-Apotheke Regensburg, 19. Jahrhundert / © Deutsche Apotheken Museum-Stiftung
Wahrzeichen der Hirsch-Apotheke Heidelberg, 19. Jahrhundert / © Deutsche Apotheken Museum-Stiftung
Wahrzeichen der Löwen-Apotheke Mannheim, 18. Jahrhundert / © Deutsche Apotheken Museum-Stiftung
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