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Impfungen wirken 
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WHO-Impfprogramm hat 154 Millionen Leben gerettet

US-Präsident Donald Trump hat die Empfehlungen zu Kinderimpfungen zusammengestrichen. Früher hätten Kinder weniger Impfungen bekommen und seien gesünder gewesen. Das widerspricht einer Analyse zum WHO-Impfprogramm der letzten 50 Jahre diametral.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 11.08.2026  11:15 Uhr

Als die 27. Weltgesundheitsversammlung (WHO) im Mai 1974 das Erweiterte Impfprogramm (Expanded Programme on Immunization, EPI) auf den Weg brachte, war weltweit nicht einmal jedes zwanzigste Kind gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten geschützt. Ein halbes Jahrhundert später erreicht die dritte Dosis dieser Kombination rund 84 Prozent aller Kinder. Die Bilanz dieser Anstrengung ist beeindruckend. Seit 1974 hat die Impfung gegen 14 Erreger weltweit schätzungsweise 154 Millionen Todesfälle verhindert. Dies ist die Kernaussage einer Publikation im Fachjournal »The Lancet« aus dem Jahr 2024, an die aus aktuellem Anlass hier noch einmal erinnert werden soll.

Denn am gestrigen Montag, dem 10. August 2026, unterzeichnete der US-Präsident Donald Trump ein Dekret zu Kinderimpfungen, mit dem unter anderem dazu aufgerufen wird, den Abstand zwischen verabreichten Impfungen zu vergrößern und keine Kombinationen zu verwenden. Zudem sollten Immunisierungen etwa gegen Hepatitis B, Covid-19 und Grippe demnach nicht mehr pauschal für alle Kinder empfohlen werden. Im Gegensatz zum Stand der medizinischen Forschung und verfügbaren Evidenz spricht das Dekret von »GOLDSTANDARD« und bei der Präsentation suggerierte Trump erneut mehrmals einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus, für den es laut WHO keine Blege gibt.

Ganz anders lesen sich die Daten, die Forschende um Dr. Andrew J. Shattock vom Swiss Tropical and Public Health Institute in Basel erhoben. Danach entfielen von den 154 Millionen durch Impfungen verhinderten Todesfällen 146 Millionen auf Kinder unter fünf Jahren und davon allein 101 Millionen auf Säuglinge im ersten Lebensjahr.

Über die verhinderten Sterbefälle hinaus beziffern die Autoren den Gewinn an gesunder Lebenszeit auf 10,2 Milliarden Jahre, im Mittel 66 Jahre bei voller Gesundheit pro gerettetem Leben. Kein anderer Eingriff des Gesundheitswesens, so das Fazit der Forschenden, hat in diesem Zeitraum mehr zur Senkung der Sterblichkeit und zum Gewinn gesunder Lebensjahre beigetragen als Impfungen.

Komplexe Modellrechnung

Methodisch stützt sich die Arbeit auf ein Bündel aus 22 mathematischen und statistischen Modellen, das Impfquoten, Erregerdynamik und krankheitsspezifische Sterblichkeit zusammenführt und gegen ein hypothetisches Szenario ohne jede historische Impfung rechnet.

Als Datengrundlage dienten unter anderem das Immunisierungs-Dashboard der WHO, die Modelle des Vaccine Impact Modelling Consortium sowie die Global-Burden-of-Disease-Schätzungen von 2021. Für Länder ohne belastbare Daten wurden die Ergebnisse über Regressionsverfahren geschätzt. Damit ist es die bislang umfassendste historische Wirkungsanalyse von Impfungen überhaupt, die über 194 WHO-Mitgliedstaaten und fünf Jahrzehnte hinweg ermittelt wurde.

Schutz vor Masern als eine der wichtigsten Maßnahmen

Für einen einzelnen Impfstoff zeigt sich eine ganz besondere Bedeutung. Die Masernimpfung ist mit 93,7 Millionen verhinderten Todesfällen für 60,8 Prozent aller geretteten Leben verantwortlich. Damit ist dieser Impfschutz über den gesamten Zeitraum und in jeder Weltregion der mit Abstand wichtigste Einzelfaktor der Präventivmaßnahmen durch Impfen.

Es folgen die Impfungen gegen Tetanus (27,9 Millionen verhinderte Todesfälle), Keuchhusten (13,2 Millionen verhinderte Todesfälle) und Tuberkulose (10,9 Millionen verhinderte Todesfälle). Dass ausgerechnet die Masernimpfung so dominiert, verweist zugleich auf ihre doppelte Schutzwirkung. Sie schützt nicht nur den Geimpften, sondern unterbricht bei hoher Durchimpfung ganze Infektionsketten. Genau hier sehen die Forschenden mit Blick auf die pandemiebedingt gesunkenen Masern-Impfquoten und die weltweit wieder aufflammenden Ausbrüche die größte Verwundbarkeit des Erreichten.

Bedeutung von Impfungen für den Rückgang der Säuglingssterblichkeit

Besonders aufschlussreich ist die Rolle der Impfung beim Rückgang der Säuglingssterblichkeit. Von deren globalem Rückgang seit 1974 lassen sich 40 Prozent direkt auf Impfungen zurückführen; in der afrikanischen WHO-Region sind es sogar 52 Prozent. Der Schutz reicht dabei weit über die Kindheit hinaus:

Ein heute geborenes Kind hat pro Lebensjahr in Kindheit und Jugend eine um 40 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit als in einer ungeimpften Welt, und selbst 50-Jährige profitieren noch mit einem Plus von 16 Prozent.

Regional zeigt sich ein differenziertes Bild: Die größten absoluten Gewinne verbuchen Afrika und die östliche Mittelmeerregion, weil dort die Krankheitslast am höchsten war. Impfungen retten die meisten Leben dort, wo die meisten Menschen sterben. Die höchsten relativen Zuwächse verzeichnen dagegen die westpazifische und die europäische Region.

Die Studie versteht sich ausdrücklich als konservative Untergrenze. Nicht berücksichtigt sind die Ausrottung der Pocken, die HPV-Impfung, Covid-19 und die Influenza ebenso wenig wie mittelbare Effekte etwa durch verringerte Durchfallerkrankungen oder Mangelernährung.

Der wahre Nutzen dürfte daher noch höher liegen. Für die kommenden Jahrzehnte plädieren die Autoren der Arbeit dafür, dass ein besonderes Augenmerk auf die Masern-Impfung, das Nachholen pandemiebedingt versäumter Impfungen und die Einbindung neuer Impfstoffe gegen HPV, Malaria und RSV in die aktuellen Impfprogramme gelegt wird.

Die Kernbotschaft an Fachwelt und Politik ist unmissverständlich und steht diametral zu der aktuellen Politik in den USA, die vor allem durch den Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. und seine MAHA-Bewegung vorangetrieben wird. Wie schnell die Errungenschaften der Impfprogramme verspielt werden können, zeigt sich aktuell in den USA. Die Gesundheitsbehörde CDC teilte Anfang August mit, dass 2026 bislang 2465 Masern-Fälle registriert worden seien. Im gesamten Vorjahr waren es 2289 gewesen. Es handele sich um die höchste Zahl seit dem Zeitraum von 1989 bis 1991, als mehr als 55.000 Infektionen und 123 Todesfälle verzeichnet wurden.

Die enormen, über 50 Jahre mühsam erarbeiteten Gewinne sind real, aber nicht selbstverständlich. Sie lassen sich ebenso leicht wieder verspielen, wenn Durchimpfung, Investitionen und der Zugang zu Impfungen nicht dauerhaft gesichert werden.

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