| Christina Hohmann-Jeddi |
| 25.09.2026 18:00 Uhr |
Einige Risikofaktoren für die Herzgesundheit bleiben lange unbemerkt, wie ein erhöhter Blutdruck. Diesen sollte man daher ab und an messen lassen. / © Getty Images/Tom Werner
PZ: Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen zu den Haupttodesursachen in Deutschland und weltweit. Nun findet rund um den Welt-Herz-Tag am 29. September erstmals die europaweite EU Screening Week statt, die mehr Aufmerksamkeit für die Prävention schaffen soll. Sie steht unter dem Motto »Know Your Numbers«. Welche Werte sind es denn, die jeder kennen sollte?
Parhofer: Man sollte sicherlich den Blutdruck, Cholesterolspiegel, vor allem das LDL-Cholesterol, und den Blutzucker kennen. Das eigene Gewicht und den Raucherstatus kennt man ja ohnehin. Zusätzlich wäre es gut zu wissen, wie häufig Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der eigenen Familie vorkommen. Mit diesen Informationen lässt sich das eigene Risiko schon gut abschätzen.
PZ: Wie wichtig sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen?
Parhofer: Einen Bluthochdruck spürt man erst ab sehr hohen Werten, erhöhte Blutfette überhaupt nicht. Daher ist es sehr wichtig, spätestens ab dem jungen Erwachsenenalter die genannten Werte einmal bestimmen zu lassen. Da sie sich nicht so stark ändern, reicht es anschließend aus, sie etwa alle fünf Jahre messen zu lassen – außer wenn gravierende Änderungen eingetreten sind, wie eine starke Gewichtszunahme oder die Menopause. Dann sollte man die Parameter noch einmal ermitteln lassen.
PZ: Wie groß ist Ihrer Ansicht nach das Potenzial von Prävention und Früherkennung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Parhofer: Sehr groß. Denn über den richtigen Lebensstil kann man viel bewirken. Außerdem haben wir Medikamente, die bei Personen mit erhöhtem Risiko dieses sehr deutlich senken können. Laut Studien kann man etwa die Hälfte der Herz-Kreislauf-Ereignisse durch Prävention entweder verschieben oder verhindern. So haben große Analysen gezeigt, dass etwa die Hälfte der Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch die wichtigsten fünf veränderbaren Risikofaktoren – Bluthochdruck, LDL-Cholesterol, Rauchen, Diabetes und Übergewicht – bedingt werden.
PZ: Welche Herz-Kreislauf-Risikofaktoren lassen sich durch den eigenen Lebensstil besonders gut beeinflussen, und wo überschätzen oder unterschätzen Menschen ihre Möglichkeiten?
Parhofer: Mit dem Rauchstopp kann man vermutlich am meisten erreichen. Aber auch die Gewichtskontrolle ist sehr wichtig, damit lässt sich der Blutdruck leicht senken und auch die Blutzuckerwerte kontrollieren. Manche Menschen überschätzen aber den Faktor Gewicht für die Blutfettwerte. Während erhöhte Triglyceridwerte dadurch oft gut behandelt werden können, ändert das bei erhöhten LDL-Cholesterolwerten meist nicht viel. Erhöhte Cholesterolwerte lassen sich durch einen gesunden Lebensstil nicht gut absenken. Hier müsste es auch die Bereitschaft der Betreffenden geben, Medikamente zur Cholesterolsenkung einzunehmen.
Professor Dr. Klaus Parhofer / © Klinikum der Universität München
PZ: Wie bewerten Sie die Effizienz der sogenannten Verhältnisprävention, die nicht auf das individuelle Verhalten abzielt, sondern auf die Lebensverhältnisse der Bevölkerung, wie etwa mehr Schulsport oder die viel diskutierte Zuckersteuer?
Parhofer: Ich glaube schon, dass solche Maßnahmen am Ende einen Einfluss auf das individuelle Verhalten haben und zu einem Benefit führen. Wenn man sich die Gewichtsentwicklung der vergangenen Jahrzehnte anschaut, erscheint eine Zuckersteuer sinnvoll, um dem etwas entgegenzusetzen. Solche Maßnahmen sind richtig und wichtig. Aber wahrscheinlich sind Maßnahmen, die auf das Individuum zugeschnitten sind, effektiver.
PZ: Was halten Sie von Wearables und ähnlichen Technologien zur Prävention?
Parhofer: Solche Technologien, etwa Apps zum Schritte- oder Kalorienzählen, können schon dazu motivieren, den Lebensstil anzupassen. Sie können daher einen positiven Effekt haben. Das ist aber individuell sehr unterschiedlich. Auch Wearables, die ein EKG auslesen oder Herzrhythmusstörungen erkennen können, sind interessante Tools. Gerade Herzrhythmusstörungen lassen sich so gut erkennen. Die Frage ist aber, ob ein frühes Erkennen auch zu einer besseren Prognose beiträgt.
PZ: Viele Menschen kennen ihre Risikofaktoren, ändern ihren Lebensstil aber trotzdem nicht. Wie lässt sich Prävention so gestalten, dass sie Menschen zu Veränderungen motiviert?
Parhofer: Das klassische Beispiel ist der Raucher. Dass viele Menschen trotz der bekannten Gesundheitseffekte weiter rauchen, zeigt, wie schwierig es ist, sein Verhalten zu ändern. Das gilt für Nikotinsucht besonders, aber auch für andere negative Gewohnheiten. Aus meiner Sicht ist Aufklärung hier enorm wichtig, damit es einem schwererfällt, die Gesundheitsrisiken zu verdrängen. Und in dieser Hinsicht gibt es schon eine positive Entwicklung: Die Awareness zu Cholesterol und Hypertonie zum Beispiel ist größer als noch vor 20 Jahren. Da ändert sich etwas. Auch die Zahl der Personen, die an Herzinfarkten sterben, ist zurückgegangen.
PZ: Worauf führen Sie das zurück?
Parhofer: Auf das größere Wissen zu Risikofaktoren und darauf, dass Cholesterolsenker vermehrt eingesetzt werden und der Blutdruck besser eingestellt wird als früher. Außerdem werden diese Risikofaktoren inzwischen besser erkannt.
PZ: Wo sehen Sie noch Potenzial für Verbesserungen?
Parhofer: Manche Arzneistoffe haben ein schlechtes Image – etwa die Statine. Daran müsste man noch arbeiten. Eine gewisse Verbesserung ist interessanterweise schon durch künstliche Intelligenz zu erkennen. Wenn man früher das Wort ›Statinintoleranz‹ bei Google eingegeben hat, kamen etwa 20.000 – zum Teil sehr negative – Einträge. Die KI-basierte Kurzantwort, die die Suchmaschine inzwischen ausgibt, ist dagegen viel balancierter. Das finde ich richtig gut.
Dennoch sehe ich in der Ambulanz häufig Patienten, die Vorbehalte gegen diese Wirkstoffe haben. Weitere Aufklärung ist also nötig, zu der auch Apothekerinnen und Apotheker beitragen können.
PZ: Die Apotheken in Deutschland sollen verstärkt auch in der Primärprävention mitwirken, etwa mit einer strukturierten Beratung zu Risikofaktoren von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wie sehen Sie die Rolle der Apotheken jetzt und in Zukunft?
Parhofer: Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass Aufklärung zu Risikofaktoren von verschiedenen Seiten kommt, und da spielen Apotheken natürlich eine große Rolle. Das betrifft nicht nur deren Stellenwert für die Gesundheit, sondern auch die Behandlungsmöglichkeiten.