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E-Rezept

Wer verfolgt welche Ziele?

Ab Januar 2022 soll es in Deutschland nur noch E-Rezepte geben. Bis Ärzte E-Rezepte verordnen und Apotheken diese beliefern, muss aber noch einiges passieren. Schon jetzt ist der Apothekenmarkt in Bewegung. Im Wettbewerb der künftigen E-Rezept-Apps haben sich Kooperationen gebildet, und nicht immer steht nur das Patientenwohl im Fokus. Welcher Player verfolgt welche Interessen?
Benjamin Rohrer
04.10.2020  08:00 Uhr

Während das E-Rezept in anderen europäischen Ländern bereits standardmäßig zur Anwendung kommt, hinkt Deutschland hinterher. Bis auf einige Modellprojekte gibt es noch keine flächendeckende technische Infrastruktur, in der solche Verordnungen abgewickelt werden könnten.

Doch die Entwicklung hat in den vergangenen zwei Jahren an Fahrt aufgenommen. Inzwischen gibt es einen klaren Zeitplan zur Einführung des flächendeckenden E-Rezepts (Kasten). Ob dieser Plan aufgeht, ist unklar. Denn schon bei der Anbindung der Apotheker an die Telematik-Infrastruktur, die künftige Datenautobahn im Gesundheitswesen, gibt es Verzögerungen. Und auch im Ärztelager, so hört man, gebe es noch ungelöste Fragen.

Das E-Rezept gibt es noch gar nicht flächendeckend – und trotzdem hat es den gesamten Apothekenmarkt aufgemischt. Das liegt einerseits an den Versandhändlern, die sich riesige Umsatzsprünge erhoffen und für die Apotheker somit eine konstante Bedrohung darstellen. Mit dem Wegfall der Rezeptzusendungen per Post fällt nämlich ein wichtiges Hindernis, das den Versandhandel für viele Kunden bislang zu kompliziert gemacht hat. Wie sehr das E-Rezept den Wettbewerb beeinflussen könnte, hat kürzlich das vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebene IGES-Gutachten gezeigt: Die Analysten gehen von einer »neuen Wettbewerbslandschaft« aus.

Die teils rasanten Marktentwicklungen sind aber auch politisch bedingt. Denn der Gesetzgeber will es Patienten ermöglichen, Verordnungen nicht nur bei einem Anbieter einzulösen. Vielmehr soll es einen Wettbewerb zwischen App-Anbietern geben, die neben der E-Rezept-Abwicklung weitere Services anbieten. Konkret sieht das so aus: Laut dem inzwischen verabschiedeten Patientendaten-Schutzgesetz (PDSG) soll die Gematik eine Standard-App für die E-Rezept-Abwicklung bauen, in die nach der ärztlichen Verordnung jedes Rezept geladen wird. Die Gematik-App soll bereits wichtige Funktionen enthalten: eine Apothekensuche sowie eine Kommunikationsmöglichkeit für Vorabanfragen an Apotheken. Allerdings sollen Patienten zusätzlich die Möglichkeit bekommen, ihre Verordnungen aus der Gematik-App über eine Weiterleitungsfunktion an andere App-Anbieter zu übertragen (Abbildung 1).

Um genau diese Weiterleitungsfunktion drehen sich die Hoffnungen und Sorgen im Markt. Denn somit sind es nicht nur die Versender, die im Aufbau einer eigenen Plattform Chancen sehen, sondern auch andere Unternehmen und Kooperationen. All diese Player haben unterschiedliche Interessen. Die Rendite-orientierten Versandkonzerne wollen natürlich ihren Umsatz steigern. Aber auch die Bündnisse, die Apotheken unterstützen wollen, verfolgen finanzielle Interessen. Und so stellt sich für Apotheker die Frage: Wer ist der passende Partner für mich?

Pro AvO: Stabiles Bündnis?

Vergleichsweise laut hat das »Pro AvO«-Bündnis (Pro Apotheke vor Ort) auf sich aufmerksam gemacht. Schon vor Monaten war von einer E-Rezept-App die Rede, die den Namen »Apora« tragen soll. Dem Bündnis gehören der Noventi-Konzern, der Wort & Bild-Verlag, der Automatenhersteller Rowa sowie die Großhändler Gehe und Sanacorp an. Die beteiligten Unternehmen hatten bereits konkrete Pläne für den Launch ihrer App.

Doch dann kam alles anders. Im Juli kündigte der Mannheimer Pharmahändler Phoenix an, sich der Pro AvO-App anzuschließen. Phoenix betreibt mit »deine Apotheke« selbst eine erfolgreiche Vorbestell-App, die von mehreren Tausend Kunden und Apotheken verwendet wird. Aber sind beide Welten kompatibel? In jedem Fall dürfte noch Zeit vergehen, bis Pro AvO und Phoenix ihre Pläne synchronisiert haben, um ein gemeinsames Produkt auf den Markt zu bringen.

Für Apotheker stellt sich die Frage: Wie stabil ist das Bündnis? Die Gehe wird bald mit Alliance Healthcare fusionieren. Unwahrscheinlich ist, dass sich der vom Italiener Stefano Pessina geleitete Apothekenketten-Konzern an einem Bündnis für die Apotheke vor Ort beteiligt. Noch unwahrscheinlicher ist es, dass die Apotheker-Genossenschaft Sanacorp dies tolerieren würde – zumal Pro AvO bereits selbst angekündigt hat, eine Genossenschaft zu bilden.

Gegenüber der PZ erklärte Pro AvO-Geschäftsführer Peter Menk, dass man Anfang 2021 mit einer Anwendung, die auch ein Web-Portal beinhalten soll, an den Start gehen wolle. Die ersten Funktionen sollen eine Apothekenlistung sein, verbunden mit der Auswahl zur Abholung oder für einen Botendienst. Anders als bei anderen Lösungen seien der Kauf und die Bezahlung auch via App möglich; allerdings könnten die Apotheker aus pharmazeutischen Gründen in die Abgabe eingreifen.

Aber wie will Pro AvO mit seiner App Geld verdienen? Durch die neue Konkurrenz im Kundenzeitschriften-Markt braucht insbesondere der Wort & Bild-Verlag neue Einnahmen. Auch die beteiligten Großhändler müssen sich aufgrund eines stagnierenden Kerngeschäfts neue Umsatzquellen suchen. Im Markt hält sich daher das Gerücht, dass Pro AvO den Apothekern pro abgewickeltem E-Rezept eine Gebühr berechnen will. Geschäftsführer Menk sagte dazu nichts Konkretes und erklärte, dass man die Apotheken stärken und nicht belasten wolle.

Besonderes Augenmerk sollte auch auf die verwendete E-Rezept-Technik gelegt werden. Denn die wird vom Optica-Konzern beigesteuert. Optica (Dr. Güldener) ist eigentlich auf die Abrechnung von Heil- und Hilfsmittelrezepten spezialisiert und betreibt – natürlich auch mit eigenen Interessen – ein eigenes Projekt in Hessen. Doch dazu später mehr.

Zunächst aber ein kurzer Blick auf die unmittelbarste Konkurrenz von Pro AvO: der »Zukunftspakt Apotheke«, der ursprünglich von der Apotheker-Genossenschaft Noweda und dem Burda-Verlag gegründet worden war. Inzwischen gehören auch der Großhändler Pharma Privat, die Online-Praxis Netdoktor sowie der Technik-Dienstleister Apostore zu der Kooperation. Der Zukunftspakt ist schon länger mit einer Vorbestellplattform (ihreapotheken.de) aktiv. Schon jetzt können Kunden über das Web-Portal ein Rezept einscannen, damit der Apotheker das verordnete Präparat vorab bestellen kann.

So wie Pro AvO hat auch der Zukunftspakt noch keine App auf den Markt gebracht. Insgesamt ist es bei Noweda/Burda sehr viel unklarer, wie es in Sachen E-Rezept-App weitergehen soll. Auf die Fragen der PZ antwortete das Bündnis bis zum Redaktionsschluss nicht. In Medienberichten hatte der Zukunftspakt erklärt, dass man keine eigene Anwendung bauen, sondern sich über Schnittstellen an existierende Lösungen anbinden will.

Die wirtschaftlichen Interessen der Zukunftspakt-Mitglieder sind ähnlich gelagert wie bei Pro AvO. Während die Noweda ihren Anteil im Großhandel weiter ausbauen und neue Geschäftsfelder erschließen möchte, dürfte es dem Burda-Verlag in erster Linie um die gemeinsam auf den Markt gebrachte Apothekenkundenzeitschrift »My Life« gehen. Hiermit sind die beiden Kooperationspartner schon erfolgreich: »My Life« hat den Oligopol-ähnlichen Markt der Kundenzeitschriften in einen echten Wettbewerb verwandelt.

Während Pro Avo und Zukunftspakt noch an ihren Lösungen basteln, kommen in anderen Projekten E-Verordnungen bereits zum Einsatz. Ganz vorne mit dabei ist die Techniker Krankenkasse. Nach einem Start auf regionaler Ebene können sich mittlerweile alle TK-Versicherten in Video-Sprechstunden ärztlich beraten lassen und E-Rezepte via App entgegennehmen.

Trotz der großen Reichweite ist die Anzahl der bereits abgerechneten Rezepte überschaubar. Laut einer TK-Sprecherin wurden etwa 700 Verordnungen elektronisch abgewickelt. Allerdings ist eine Ausweitung geplant: Noch im Oktober 2020 sollen bis zu 40.000 niedergelassene Ärzte TK-Versicherten ebenfalls E-Rezepte ausstellen können.

Laut TK sind derzeit rund 1000 Apotheken beteiligt. Deren Teilnahme geht auf den apothekereigenen Noventi-Konzern zurück, der seine Software für das Projekt geöffnet hat. Noventi hatte bei den Apothekern aggressiv für eine Projektteilnahme geworben; Nicht-Noventi-Kunden stellte der Konzern sogar Laptops mit einem separaten Awinta-Warenwirtschaftssystem in die Offizin.

Und genau hier liegt der Haken. Die teilnehmenden Apotheker müssen einen Selektivvertrag unterschreiben und sich gleichzeitig auf dem Portal e-rezept.de anmelden. Dieses Portal gehört zum Technik-Dienstleister des TK-Projekts, der Firma E-Health-Tec. Diese wiederum ist eine Tochter des Schweizer Zur-Rose-Konzerns und derzeit auch damit beauftragt, die E-Rezept-Plattform für Doc Morris zu bauen. Jede Apotheke, die am TK-Projekt teilnimmt, registriert sich also indirekt beim Zur-Rose-Konzern und stellt zumindest einen Teil ihrer Daten zur Verfügung – wofür Zur Rose die Apothekendaten gebrauchen könnte, dazu später mehr.

Dass die TK als Krankenkasse keine Berührungsängste mit einem EU-Versender hat, überrascht nicht. Dass aber der apothekereigene Noventi-Konzern ein solches Konstrukt zulässt, dürfte vielen Apothekern Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Eine TK-Sprecherin beteuert allerdings, dass die Doc-Morris-Mutter »keinerlei Einfluss auf die Ausgestaltung und Weiterentwicklung unseres E-Rezept-Modells« habe.

Trotzdem ist die TK im Vergleich zu anderen Mitbewerbern weit fortgeschritten. Man hat sich ein eigenes kleines E-Rezept-System samt Online-Arztpraxis, Patienten-App und Apotheken-Netzwerk aufgebaut. Aber wie kompatibel ist das TK-System mit den Vorgaben der Gematik? Die TK-Sprecherin erklärt, dass der im Moment verwendete Server »von zwei Anbietern« in Deutschland betrieben werde und den Gematik-Vorgaben (Spezifikationen) entspreche.

Was die Interessen der TK am Thema E-Rezept betrifft, gibt es zudem weitere Fragen: Wird die Kasse versuchen, Patienten zu bestimmten (Versand-)Apotheken zu lenken? Kann die Kasse Rezepte vor der Abwicklung einsehen, um Erstattungsfragen zu klären? Die TK-Sprecherin schließt dies für das derzeitige Modell aus. Auch soll es keine Bonusmodelle oder sonstige Boni für Versicherte geben. Klar ist, dass das E-Rezept nur ein Baustein im digitalen TK-Marketing-Baukasten ist. Ziel wird es sein, die E-Verordnungen als Teil einer größeren App zu etablieren, in der auch die Patientenakte und die neuartigen »Apps auf Rezept« zur Anwendung kommen.

Ein weiteres Projekt mit Kassenbeteiligung ist das »MORE«-Modell in Hessen. Projektbetreiber sind das Abrechnungszentrum Optica (Dr. Güldener), TK, DAK und die AOK sowie der Hessische Apothekerverband und die Kassenärztliche Vereinigung (KV) des Landes.

Das Modell ist auf den ärztlichen Notdienst beschränkt: Patienten können sich zweimal in der Woche abends per Video-Telefonie von einem Arzt beraten lassen und eine E-Verordnung erhalten, die sie in einer teilnehmenden Apotheke einlösen. Laut einem Projektsprecher sind derzeit 609 Apotheken beteiligt. Über ein Internetportal können die Kunden einsehen, welche Apotheke zur Abwicklung infrage kommt. Allerdings ist auch im MORE-Projekt die Ausbeute bisher gering: 180 Patienten haben sich dem Sprecher zufolge eingeschrieben.

Das Besondere am MORE-Projekt ist, dass sich schon im Projektstatus aus Apothekersicht kritische Strukturen zeigen. Dabei geht es in erster Linie um die Konstruktion des Rezeptdienstes (Abbildung 2), an dem neben der estnischen Firma Nortal unter anderem die AOK-Tochter Gevko mitgebastelt hat. Bedenklich ist, dass der Server und somit alle E-Rezept-Daten in dem Projekt (THENA-Server) in der Hoheit der KV Hessen liegen, also bei den Ärzten. Der Projektsprecher stellt zur Verwendung der Daten aber klar: »Zugriff hat zunächst nur der Patient, bis dieser das Rezept an einen Leistungserbringer zuweist. Die technischen Partner haben keinen Zugriff auf die Daten.«

Viel besorgniserregender ist die Rolle der Krankenkassen. Auch hier stellt der Sprecher klar, dass diese keinen Zugriff auf die Daten haben. Allerdings räumt er ein, dass TK, AOK und DAK einen eigenen Zugang für das E-Rezept-Portal haben, in dem die Patienten ihre Verordnungen einreichen – und diesen auch nutzen, um »ausgestellte Rezepte anonymisiert nachvollziehen zu können«. Dies sei allerdings nur möglich, »bis zu dem Zeitpunkt, wo das Rezept dem Kostenträger – zwecks Bezahlung/Abrechnung – zugewiesen wird«. Mit diesem Statuswechsel des Rezepts werde es komplett lesbar.

Dass gerade im MORE-Projekt solche Zugriffsrechte erlaubt sind, überrascht nicht. Schließlich ist das Dr. Güldener Rechenzentrum (Optica) spezialisiert auf Heil- und Hilfsmittelrezepte – und diese Rezepte werden vor der Belieferung von der Kasse zumindest in manchen Fällen eingesehen und genehmigt. Fraglich ist, ob ein solches Modell den strengen Vorgaben der Gematik standhält. Folgt man dem Projektsprecher, ist dies ohnehin nicht geplant. Man werde MORE nicht an den flächendeckenden Fachdienst angleichen, denn es werde nur diesen einen zentralen Fachdienst geben.

In jedem Fall sind erweiterte Zugriffsrechte der Kassen auf unbelieferte (Arzneimittel-)Verordnungen nicht nur für Apotheker aus »Lenkungsgründen« kritisch zu sehen, sondern auch für Patienten. Denn Rezeptgenehmigungen im Arzneimittelbereich dürften viele Patienten verstören.

Doc Morris: Zum Erfolg verdammt

In den E-Rezept-Planungen vom Zur-Rose-Konzern spielen ganz andere Interessen eine Rolle. Der Schweizer Pharmahändler hat mehrfach angekündigt, dass man durch das E-Rezept Umsatzsprünge erwarte. Gegenüber der PZ bestätigte ein Konzernsprecher, dass man damit rechne, dass der Marktanteil der Versender im Rx-Bereich in drei bis fünf Jahren auf mehr als 5 Prozent klettern wird.

Klar ist: Zur Rose ist ein renditeorientierter Konzern, dessen Aktionäre Gewinnsteigerungen sehen wollen. Trotz deutlicher Zugewinne während der Corona-Krise sind große Gewinne in den vergangenen Jahren aber ausgeblieben. Mehrfach hat sich Zur Rose für die Ausarbeitung der eigenen E-Rezept-Welt zudem in Form von Anleihen frisches Geld besorgt – in dreistelliger Millionenhöhe. Kurzum: Für Zur Rose und Doc Morris muss das E-Rezept ein Erfolg werden, die Versandhändler setzen alles auf diese Karte.

Aber was hat der Versandkonzern bislang erreicht? Bei einer groß angekündigten E-Rezept-Kooperation mit Hausärzten in Westfalen-Lippe ist offenbar nicht viel herumgekommen. Zumindest öffentlich wurde nie bekannt, ob das Projekt überhaupt gestartet ist. Klar ist, dass auch Doc Morris an einer eigenen Plattform samt App bastelt, die von den Niederländern als »Marktplatz« bezeichnet wird. Der Plan ist, dass die Patienten hier »alles aus einer Hand« bekommen: die Online-Sprechstunde sowie die E-Rezept-Belieferung und OTC-Einkäufe in einer App. Durch den Erwerb der Online-Praxis Teleclinic und die Partnerschaft mit dem Telemedizin-Anbieter Kry ist Zur Rose dieser Vision ein Stück nähergekommen.

Aber für seinen Marktplatz braucht Doc Morris nicht nur Ärzte, sondern auch Apotheker. Denn: Der Konzern hat unter anderem eine Warenbestandsabfrage und eine tagesgleiche Belieferung versprochen. Letzteres ist zuverlässig und flächendeckend nur durch Apotheken machbar. Und so versucht der Konzern sich jetzt mit den Pharmazeuten gutzustellen. Versprochen wurde bereits, dass es keine Rx-Boni für die über die App angenommenen E-Rezepte geben soll.

Noch in diesem Jahr soll der Marktplatz laut einem Sprecher online gehen. Ihm zufolge werden »wenige Pilot-Apotheken« angebunden, »um den User Journey und die Systemintegration zu testen«. Langfristig benötige man aber eine vierstellige Anzahl von Apotheken, um »schnelle Lieferkonzepte wie die Nutzung des Botendienstes« anbieten zu können.

Aber wieso sollten sich Apotheker gerade Doc Morris anschließen? Wie genau stellt sich der Konzern eine friedliche Zusammenarbeit vor? Das Konzept sehe so aus, dass man selbst »eine sehr hohe Reichweite« und somit eine hohe Patientenfrequenz auf die Plattform bringe. »Die Partner können sich auf ihr Leistungsportfolio (Produkte/Services) konzentrieren. Kombiniert ergibt das eine sehr starke Lösung.« Ob der Zur-Rose-Konzern dazu die Kontaktdaten der Apotheken nutzt, die er in dem TK/Noventi-Modell gewonnen hat (siehe oben), ist unklar. Zulässig ist der Gedanke aber.

Last, but not least betreiben auch die Apotheker selbst zwei E-Rezept-Projekte. In Baden-Württemberg startete im vergangenen Jahr das GERDA-Projekt, das die Kammer und der Verband ins Leben gerufen hatten, um das sogenannte Docdirekt-Projekt der Ärzte (KV) mit einem Rezeptspeicher zu verstärken. Doch das Vorhaben wird von externen Problemen geplagt. Bestimmte Software-Anbieter schlossen sich nicht an, sodass sich nicht alle Apotheker in der Region beteiligen konnten. Und vor wenigen Monaten stieg der beteiligte Telemedizin-Anbieter Teleclinic aus.

Das zweite Projekt ist verheißungsvoller – auch weil es vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) im Rahmen der »Zukunftsregion Digitale Gesundheit« in Berlin/Brandenburg finanziell unterstützt wird. Apotheken testen mit Arztpraxen in der Hauptstadtregion auf Basis der von der NGDA entwickelten Fachdienst-Technologie die vom DAV entwickelte Web-App zur E-Rezept-Abwicklung. In einer ersten Phase wurden auch dort »nur« 100 Verordnungen elektronisch abgewickelt. In der inzwischen gestarteten Phase II sind jeweils 100 Apotheken und Ärzte dabei; laut dem Projektsprecher sind die Haus- und Heimversorgung und die Botendienstversorgung Teil des Projekts. Ziel ist es, das Modell zu evaluieren und die Erkenntnisse der Gematik und dem BMG im Frühjahr 2021 zu präsentieren.

Anders als die Mitbewerber setzt der DAV in seinem Projekt auf eine progressive Web-App, die man im Gegensatz zu einer »nativen« App nicht aus dem App-Store laden kann und nur auf dem (Handy-)Desktop verlinkt. Der DAV-Projektsprecher ist sich sicher, dass sich solche Apps »zukünftig als Standard in allen Bereichen« durchsetzen. Erste Erfahrungen hätten aber gezeigt, dass Patienten den Umgang damit noch lernen müssten. Als weiteres Problem während der Phase I sei unter anderem die qualifizierte elektronische Signatur der Ärzte identifiziert worden, die bei den Medizinern zu einem Mehraufwand führe.

Die E-Rezept-Struktur der Apotheker ist im Vergleich zu den anderen Marktplayern sicherlich die, in der am wenigsten wirtschaftliche Interessen zum Tragen kommen. Die Kassen haben keine Zugriffsrechte und die Interessen von Anlegern und neue Umsatzquellen beteiligter Konzerne spielen keine Rolle. Allerdings haben sich die Apotheker in ihrem Vorgehen auch etwas verschätzt: Ziel des DAV war es, dass der Gesetzgeber die Apotheker mit dem Aufbau eines nationalen Rezeptdienstes beauftragt. Inzwischen ist klar, dass dies eine Fehleinschätzung war. Sowohl der Gesetzgeber als auch das Ministerium wollen den Wettbewerb »hinter« einer Gematik-App ermöglichen. Klar ist aber auch, dass die Apotheker an der Entwicklung der App festhalten sollten, um sie gegen interessengeleitete Produkte zu positionieren.

Noch offene, spannende Fragen

Insgesamt befindet sich der Markt in Bewegung. Vieles dürfte sich noch ändern, bis in der TI flächendeckend E-Rezepte versendet werden können. Auffällig ist, dass es zwischen den Kooperationen viele Schnittstellen gibt. So nutzt Pro AvO eine Optica-Technologie, der Zur-Rose-Spezialist E-Health-Tec ist im TK-Projekt beteiligt und die TK wiederum ist auch am MORE-Projekt aktiv. Auch deswegen ist nicht auszuschließen, dass es noch zu einer Megafusion kommen könnte.

Die Marktteilnehmer Zukunftspakt, Pro AvO und der DAV wollen allesamt die Apotheken gegenüber dem Versandhandel stärken. Aus Patientensicht stellt sich daher die Frage, warum es keine gemeinsame Handy-App mit einem Apotheken-A geben könnte, an der die wichtigsten Institutionen der Branche beteiligt sind?

Natürlich könnte es auch noch Überraschungen geben. Die Compugroup zum Beispiel ist sowohl im Bereich Arztpraxis-Software als auch bei den Apotheken-Warenwirtschaften prominent marktbeteiligt. Bislang betreibt der Konzern aber kein E-Rezept-Projekt. Eine Sprecherin erklärte, dass man sich mit dem Thema beschäftige, dies sei aber noch nicht »spruchreif«. Da dürfte also noch etwas kommen. Zu erwarten ist auch, dass die Shop-Apotheke noch ins Plattform-Geschäft einsteigt. Der Versandkonzern hatte dies angekündigt.

Mit Spannung werden zudem zwei Ausschreibungen der Gematik verfolgt. Die Gematik sucht einerseits einen Dienstleister, der den E-Rezept-Fachdienst entwickelt. Andererseits will sie einen »Help Desk« für Versicherte zum E-Rezept entwickeln, also eine Institution, die Patienten bei Fragen zur E-Rezept-Anwendung weiterhilft. Aus Apothekersicht käme es einer Katastrophe gleich, wenn etwa die Zur-Rose-Tochter E-Health-Tec mit der Entwicklung des E-Rezept-Fachdienstes beliehen wird. Mit Blick auf die beschriebene Modellstruktur wäre auch ein Zuschlag für Optica kritisch. Die Gematik wollte sich nicht dazu äußern, wann die Zuschläge vergeben werden.

Immer wieder hört man auch Gerüchte, dass das BMG auf die Teleclinic-Übernahme durch Zur Rose reagieren will und die Weiterleitungsfunktion aus der Gematik-App streicht. Politisch denkbar wäre dies – schließlich hatten sich mehrere Unionspolitiker mit Prüfaufträgen ans BMG gewandt, weil sie die Trennung zwischen Verordnung (Teleclinic) und Abgabe (Zur Rose) verletzt sehen. Entscheidet sich das BMG zu einer solchen Regelung, würde jeglicher App-Wettbewerb im Keim erstickt. Schließlich gäbe es dann nur noch eine werbe- und interessenfreie staatliche Anwendung zur E-Rezept-Belieferung.

Fokus E-Rezept bei der Expopharm Impuls

Update (8. Oktober 2020): Das Thema E-rezept spielte auch bei der Expopharm Impuls eine wichtige Rolle in diversen Interviews und Diskussionen. Hier alle dazu ausgestrahlten Formate:

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