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E-Rezept

Wer verfolgt welche Ziele?

Vergleichsweise laut hat das »Pro AvO«-Bündnis (Pro Apotheke vor Ort) auf sich aufmerksam gemacht. Schon vor Monaten war von einer E-Rezept-App die Rede, die den Namen »Apora« tragen soll. Dem Bündnis gehören der Noventi-Konzern, der Wort & Bild-Verlag, der Automatenhersteller Rowa sowie die Großhändler Gehe und Sanacorp an. Die beteiligten Unternehmen hatten bereits konkrete Pläne für den Launch ihrer App.

Doch dann kam alles anders. Im Juli kündigte der Mannheimer Pharmahändler Phoenix an, sich der Pro AvO-App anzuschließen. Phoenix betreibt mit »deine Apotheke« selbst eine erfolgreiche Vorbestell-App, die von mehreren Tausend Kunden und Apotheken verwendet wird. Aber sind beide Welten kompatibel? In jedem Fall dürfte noch Zeit vergehen, bis Pro AvO und Phoenix ihre Pläne synchronisiert haben, um ein gemeinsames Produkt auf den Markt zu bringen.

Für Apotheker stellt sich die Frage: Wie stabil ist das Bündnis? Die Gehe wird bald mit Alliance Healthcare fusionieren. Unwahrscheinlich ist, dass sich der vom Italiener Stefano Pessina geleitete Apothekenketten-Konzern an einem Bündnis für die Apotheke vor Ort beteiligt. Noch unwahrscheinlicher ist es, dass die Apotheker-Genossenschaft Sanacorp dies tolerieren würde – zumal Pro AvO bereits selbst angekündigt hat, eine Genossenschaft zu bilden.

Gegenüber der PZ erklärte Pro AvO-Geschäftsführer Peter Menk, dass man Anfang 2021 mit einer Anwendung, die auch ein Web-Portal beinhalten soll, an den Start gehen wolle. Die ersten Funktionen sollen eine Apothekenlistung sein, verbunden mit der Auswahl zur Abholung oder für einen Botendienst. Anders als bei anderen Lösungen seien der Kauf und die Bezahlung auch via App möglich; allerdings könnten die Apotheker aus pharmazeutischen Gründen in die Abgabe eingreifen.

Aber wie will Pro AvO mit seiner App Geld verdienen? Durch die neue Konkurrenz im Kundenzeitschriften-Markt braucht insbesondere der Wort & Bild-Verlag neue Einnahmen. Auch die beteiligten Großhändler müssen sich aufgrund eines stagnierenden Kerngeschäfts neue Umsatzquellen suchen. Im Markt hält sich daher das Gerücht, dass Pro AvO den Apothekern pro abgewickeltem E-Rezept eine Gebühr berechnen will. Geschäftsführer Menk sagte dazu nichts Konkretes und erklärte, dass man die Apotheken stärken und nicht belasten wolle.

Besonderes Augenmerk sollte auch auf die verwendete E-Rezept-Technik gelegt werden. Denn die wird vom Optica-Konzern beigesteuert. Optica (Dr. Güldener) ist eigentlich auf die Abrechnung von Heil- und Hilfsmittelrezepten spezialisiert und betreibt – natürlich auch mit eigenen Interessen – ein eigenes Projekt in Hessen. Doch dazu später mehr.

Zunächst aber ein kurzer Blick auf die unmittelbarste Konkurrenz von Pro AvO: der »Zukunftspakt Apotheke«, der ursprünglich von der Apotheker-Genossenschaft Noweda und dem Burda-Verlag gegründet worden war. Inzwischen gehören auch der Großhändler Pharma Privat, die Online-Praxis Netdoktor sowie der Technik-Dienstleister Apostore zu der Kooperation. Der Zukunftspakt ist schon länger mit einer Vorbestellplattform (ihreapotheken.de) aktiv. Schon jetzt können Kunden über das Web-Portal ein Rezept einscannen, damit der Apotheker das verordnete Präparat vorab bestellen kann.

So wie Pro AvO hat auch der Zukunftspakt noch keine App auf den Markt gebracht. Insgesamt ist es bei Noweda/Burda sehr viel unklarer, wie es in Sachen E-Rezept-App weitergehen soll. Auf die Fragen der PZ antwortete das Bündnis bis zum Redaktionsschluss nicht. In Medienberichten hatte der Zukunftspakt erklärt, dass man keine eigene Anwendung bauen, sondern sich über Schnittstellen an existierende Lösungen anbinden will.

Die wirtschaftlichen Interessen der Zukunftspakt-Mitglieder sind ähnlich gelagert wie bei Pro AvO. Während die Noweda ihren Anteil im Großhandel weiter ausbauen und neue Geschäftsfelder erschließen möchte, dürfte es dem Burda-Verlag in erster Linie um die gemeinsam auf den Markt gebrachte Apothekenkundenzeitschrift »My Life« gehen. Hiermit sind die beiden Kooperationspartner schon erfolgreich: »My Life« hat den Oligopol-ähnlichen Markt der Kundenzeitschriften in einen echten Wettbewerb verwandelt.

Während Pro Avo und Zukunftspakt noch an ihren Lösungen basteln, kommen in anderen Projekten E-Verordnungen bereits zum Einsatz. Ganz vorne mit dabei ist die Techniker Krankenkasse. Nach einem Start auf regionaler Ebene können sich mittlerweile alle TK-Versicherten in Video-Sprechstunden ärztlich beraten lassen und E-Rezepte via App entgegennehmen.

Trotz der großen Reichweite ist die Anzahl der bereits abgerechneten Rezepte überschaubar. Laut einer TK-Sprecherin wurden etwa 700 Verordnungen elektronisch abgewickelt. Allerdings ist eine Ausweitung geplant: Noch im Oktober 2020 sollen bis zu 40.000 niedergelassene Ärzte TK-Versicherten ebenfalls E-Rezepte ausstellen können.

Laut TK sind derzeit rund 1000 Apotheken beteiligt. Deren Teilnahme geht auf den apothekereigenen Noventi-Konzern zurück, der seine Software für das Projekt geöffnet hat. Noventi hatte bei den Apothekern aggressiv für eine Projektteilnahme geworben; Nicht-Noventi-Kunden stellte der Konzern sogar Laptops mit einem separaten Awinta-Warenwirtschaftssystem in die Offizin.

Und genau hier liegt der Haken. Die teilnehmenden Apotheker müssen einen Selektivvertrag unterschreiben und sich gleichzeitig auf dem Portal e-rezept.de anmelden. Dieses Portal gehört zum Technik-Dienstleister des TK-Projekts, der Firma E-Health-Tec. Diese wiederum ist eine Tochter des Schweizer Zur-Rose-Konzerns und derzeit auch damit beauftragt, die E-Rezept-Plattform für Doc Morris zu bauen. Jede Apotheke, die am TK-Projekt teilnimmt, registriert sich also indirekt beim Zur-Rose-Konzern und stellt zumindest einen Teil ihrer Daten zur Verfügung – wofür Zur Rose die Apothekendaten gebrauchen könnte, dazu später mehr.

Dass die TK als Krankenkasse keine Berührungsängste mit einem EU-Versender hat, überrascht nicht. Dass aber der apothekereigene Noventi-Konzern ein solches Konstrukt zulässt, dürfte vielen Apothekern Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Eine TK-Sprecherin beteuert allerdings, dass die Doc-Morris-Mutter »keinerlei Einfluss auf die Ausgestaltung und Weiterentwicklung unseres E-Rezept-Modells« habe.

Trotzdem ist die TK im Vergleich zu anderen Mitbewerbern weit fortgeschritten. Man hat sich ein eigenes kleines E-Rezept-System samt Online-Arztpraxis, Patienten-App und Apotheken-Netzwerk aufgebaut. Aber wie kompatibel ist das TK-System mit den Vorgaben der Gematik? Die TK-Sprecherin erklärt, dass der im Moment verwendete Server »von zwei Anbietern« in Deutschland betrieben werde und den Gematik-Vorgaben (Spezifikationen) entspreche.

Was die Interessen der TK am Thema E-Rezept betrifft, gibt es zudem weitere Fragen: Wird die Kasse versuchen, Patienten zu bestimmten (Versand-)Apotheken zu lenken? Kann die Kasse Rezepte vor der Abwicklung einsehen, um Erstattungsfragen zu klären? Die TK-Sprecherin schließt dies für das derzeitige Modell aus. Auch soll es keine Bonusmodelle oder sonstige Boni für Versicherte geben. Klar ist, dass das E-Rezept nur ein Baustein im digitalen TK-Marketing-Baukasten ist. Ziel wird es sein, die E-Verordnungen als Teil einer größeren App zu etablieren, in der auch die Patientenakte und die neuartigen »Apps auf Rezept« zur Anwendung kommen.

Ein weiteres Projekt mit Kassenbeteiligung ist das »MORE«-Modell in Hessen. Projektbetreiber sind das Abrechnungszentrum Optica (Dr. Güldener), TK, DAK und die AOK sowie der Hessische Apothekerverband und die Kassenärztliche Vereinigung (KV) des Landes.

Das Modell ist auf den ärztlichen Notdienst beschränkt: Patienten können sich zweimal in der Woche abends per Video-Telefonie von einem Arzt beraten lassen und eine E-Verordnung erhalten, die sie in einer teilnehmenden Apotheke einlösen. Laut einem Projektsprecher sind derzeit 609 Apotheken beteiligt. Über ein Internetportal können die Kunden einsehen, welche Apotheke zur Abwicklung infrage kommt. Allerdings ist auch im MORE-Projekt die Ausbeute bisher gering: 180 Patienten haben sich dem Sprecher zufolge eingeschrieben.

Das Besondere am MORE-Projekt ist, dass sich schon im Projektstatus aus Apothekersicht kritische Strukturen zeigen. Dabei geht es in erster Linie um die Konstruktion des Rezeptdienstes (Abbildung 2), an dem neben der estnischen Firma Nortal unter anderem die AOK-Tochter Gevko mitgebastelt hat. Bedenklich ist, dass der Server und somit alle E-Rezept-Daten in dem Projekt (THENA-Server) in der Hoheit der KV Hessen liegen, also bei den Ärzten. Der Projektsprecher stellt zur Verwendung der Daten aber klar: »Zugriff hat zunächst nur der Patient, bis dieser das Rezept an einen Leistungserbringer zuweist. Die technischen Partner haben keinen Zugriff auf die Daten.«

Viel besorgniserregender ist die Rolle der Krankenkassen. Auch hier stellt der Sprecher klar, dass diese keinen Zugriff auf die Daten haben. Allerdings räumt er ein, dass TK, AOK und DAK einen eigenen Zugang für das E-Rezept-Portal haben, in dem die Patienten ihre Verordnungen einreichen – und diesen auch nutzen, um »ausgestellte Rezepte anonymisiert nachvollziehen zu können«. Dies sei allerdings nur möglich, »bis zu dem Zeitpunkt, wo das Rezept dem Kostenträger – zwecks Bezahlung/Abrechnung – zugewiesen wird«. Mit diesem Statuswechsel des Rezepts werde es komplett lesbar.

Dass gerade im MORE-Projekt solche Zugriffsrechte erlaubt sind, überrascht nicht. Schließlich ist das Dr. Güldener Rechenzentrum (Optica) spezialisiert auf Heil- und Hilfsmittelrezepte – und diese Rezepte werden vor der Belieferung von der Kasse zumindest in manchen Fällen eingesehen und genehmigt. Fraglich ist, ob ein solches Modell den strengen Vorgaben der Gematik standhält. Folgt man dem Projektsprecher, ist dies ohnehin nicht geplant. Man werde MORE nicht an den flächendeckenden Fachdienst angleichen, denn es werde nur diesen einen zentralen Fachdienst geben.

In jedem Fall sind erweiterte Zugriffsrechte der Kassen auf unbelieferte (Arzneimittel-)Verordnungen nicht nur für Apotheker aus »Lenkungsgründen« kritisch zu sehen, sondern auch für Patienten. Denn Rezeptgenehmigungen im Arzneimittelbereich dürften viele Patienten verstören.

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