| 06.11.2026 07:00 Uhr |
Hören, heilen, regenerieren: Musik wirkt von selbst und fördert das Wohlbefinden in Kliniken – für Patienten und medizinisches Personal zugleich. / © Shutterstock/PeopleImages
Während eine Untersuchung auf Vorteile des Musikhörens im Zuge von OPs hinweist, legt die andere nahe, wie es Klinik-Angestellten bei Belastungen im Alltag hilft.
In einer Untersuchung der chinesischen Soochow-Universität mit 192 Erwachsenen im Alter von 18 bis 65 Jahren trug die Hälfte der Patientinnen geräuschunterdrückende Over-Ear-Kopfhörer, wenn sie sich minimalinvasiven gynäkologischen Eingriffen unter Vollnarkose unterzogen. Die andere Hälfte hatte keine Kopfhörer auf.
Die Studienergebnisse wurden erstmals bei der Jahrestagung der wissenschaftlichen Fachgesellschaft American Society of Anesthesiologists (ASA) präsentiert. Demnach litten gut 35 Prozent der Kopfhörerträger innerhalb von 48 Stunden nach der Operation unter postoperativer Übelkeit und Erbrechen (PONV) – bei derselben Anästhesie und Standardmedikation.
Bei denjenigen hingegen, die keine Musik auf den Ohren hatten, waren es rund 52 Prozent. Damit sank das Risiko um etwa 32 Prozent. Zudem waren die Beschwerden bei den Personen mit Kopfhörern innerhalb der ersten 24 Stunden weniger stark ausgeprägt.
PONV, deren Auslöser Anästhetika und Schmerzmittel sind, können zu Dehydrierung, verzögerter Genesung oder zusätzlichem Medikamenteneinsatz führen. Wie die ASA mitteilte, könnte Lärm ein weiterer, weniger beachteter Faktor sein.
Obwohl die Patienten unter Narkose die Umgebungsgeräusche nicht bewusst wahrnehmen, verarbeitet das Gehirn diese möglicherweise weiterhin. Die Lärmpegel lagen nach ASA-Angaben im Durchschnitt bei etwa 66 Dezibel und damit im Bereich eines normalen Gesprächs bis hin zu einem laufenden Staubsauger. Die Fachgesellschaft sieht darin eine einfache und vor allem medikamentenfreie Ergänzung zur Standardmedikation, um postoperative Beschwerden zu reduzieren.
Auch für diejenigen, die täglich im Gesundheitswesen arbeiten, könnte Musik positive Effekte haben. In einer Studie der Northwestern University in Chicago hörten 724 Ärzte, medizinische Fachkräfte und Sozialarbeiter 20 Minuten lang Improvisationsmusik, die aus langsamen, mäandernden Melodien und Stillephasen bestand. Die regenerativen Klänge waren darauf ausgelegt, dass sich das Gehirn auf die Musik einstimmen und sich mit ihr synchronisieren kann.
Die Teilnehmenden berichteten anschließend von einer deutlich verbesserten Stimmung und mehr Energie. Demnach stieg das selbst eingeschätzte Energieniveau im Schnitt von 56 auf 83 Prozent. Zudem gaben viele an, dass sich ihr emotionaler Zustand stabilisierte und sie die Maßnahme weiterempfehlen würden.
Nach Einschätzung der Forschenden wirkt Musik direkt auf das Nervensystem. Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass improvisierte Musik Atmung und Herzfrequenz verlangsamen sowie die Gehirnaktivität von schnelleren Beta-Wellen hin zu einem entspannten Alpha-Zustand verschieben kann.
Insbesondere im medizinischen Umfeld hat die Studie, die im Fachjournal »Frontiers in Psychology« erschienen ist, Relevanz. Denn laut Autorenteam sind Beschäftigte im Gesundheitswesen permanent Stress, Trauer und Traumata ausgesetzt. Laut Studie leidet etwa die Hälfte unter Burnout. Und das wirkt sich auf die Patientenversorgung aus. Musik habe den Effekt, »den Schmutz des Alltags« aus dem Gehirn zu entfernen, heißt es in der Mitteilung der Northwestern University.