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Long Covid

Was passiert mit dem Immunsystem?

Das Long-Covid-Syndrom, von dem etwa 12 Prozent der Covid-19-Patienten betroffen sind, ist immer noch mit großen Fragezeichen versehen. Nach wie vor sind die grundlegenden biologischen Mechanismen, die für die Long-Covid-Symptomatik verantwortlich sind, ungeklärt. Forschende sind den Veränderungen im Immunsystem auf der Spur und haben einen neuen Biomarker ausgemacht.
Theo Dingermann
15.08.2022  07:00 Uhr

Eine SARS-CoV-2-Infektion kann zur Entwicklung einer Konstellation anhaltender Folgeerscheinungen nach dem Abklingen der akuten Erkrankung führen. Dieses Syndrom wird als postakute Folgeerkrankung von Covid-19 (PASC) oder als Long Covid bezeichnet. Betroffene Personen berichten unter anderem über anhaltende Müdigkeit, Unwohlsein nach Anstrengung und eine Reihe von kognitiven und autonomen Störungen.

Welche pathologischen Prozesse diesen schweren Symptomen zugrunde liegen, ist nach wie vor unklar. Aus diesem Grund erregt eine noch nicht begutachtete Studie auf dem Server »MedRxiv« Aufmerksamkeit, in der umfassende immunologische Daten zu Long Covid bei 215 Probanden erhoben wurden.

Die Studie wurde von Professor Dr. David Putrino vom Abilities Research Center an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Krankenhaus in New York City und von Professor Dr. Akiko Iwasaki vom Department of Immunobiology an der Yale School of Medicine in New Haven geleitet. Die 215 Probanden der Studie waren vier Gruppen zugeordnet:

  1. Gesunde, nicht infizierte Kontrollen (Healthy Controls; HC)
  2. Gesunde, nicht geimpfte, zuvor mit SARS-CoV-2 infizierte historische Kontrollen (Healthcare Workers; HCW)
  3. Gesunde, zuvor mit SARS-CoV-2 infizierte Kontrollen ohne anhaltende Symptome (Convalescent Controls; CC)
  4. Personen mit anhaltenden Symptomen nach akuter SARS-CoV-2-Infektion (Long Covid; LC)

Bei den HCW-, CC- und LC-Gruppen waren die Probanden während der akuten Covid-19-Infektion überwiegend nicht stationär behandelt worden, und bei den CC- und LC-Gruppen lag die Erstinfektion im Durchschnitt mehr als ein Jahr zurück.

Umfassende Immun-Phänotypisierung

Von allen Teilnehmenden wurde eine systematische, multidimensionale Immun-Phänotypisierung in Verbindung mit maschinellen Lernmethoden durchgeführt, um potenzielle Schlüsselmerkmale zu identifizieren, die für Long Covid typisch sind.

Mittels Durchflusszytometrie wurden die mononukleären Blutzellen charakterisiert und Gedächtnis-T-Zellen, CD4+- und CD8+-T-Zellen quantifiziert. Zudem wurden die gegen das SARS-CoV-2-Spike-Protein gebildeten Antikörper quantifiziert und die Epitope charakterisiert, gegen die diese Antikörper gerichtet sind. Auch analysierten die Autoren Autoantikörper gegen das Exoproteom, das heißt gegen extrazelluläre Proteine der Probanden. Und es wurden Antikörper gemessen, die gegen das Epstein-Barr-Virus (EBV) und das Varizella-Zoster-Virus (VZV), die zur Familie der Herpesviren gehören, gebildet wurden. Schließlich quantifizierten die Autoren auch noch verschiedene Hormone, einschließlich Cortisol und das adrenocorticotrope Hormon (ACTH).

Zu den wichtigen Ergebnissen der Studie gehören die Identifizierung von drei gut abgegrenzten Patienten-Clustern auf Basis der berichteten Symptomkomplexe, der Nachweis einer häufigen Reaktivierung von Herpesviren (EBV, VZV) sowie der Nachweis mehrerer Antikörper und zellulärer Immunmarker, die auf eine erhöhte Aktivierung des Immunsystems hindeuten. Ähnliche Beobachtungen wurden auch in anderen Studien gemacht.

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