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Fluoride

Was Kinderzähne hart macht

Die wichtigste Maßnahme, Karies zu verhindern, ist die Anwendung von Fluorid. Wie diese allerdings konkret aussehen sollte, darüber sind sich Pädiater und Zahnärzte nicht einig. Letztere empfehlen seit vergangenem Sommer sogar mehr Fluorid für Vorschulkinder.
Elke Wolf
06.05.2019
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Karies entsteht meist durch das Zusammenspiel von kariesauslösenden Mikroorganismen, mangelhafter Mundhygiene und zuckerlastiger Ernährung. Vor allem ständiges Flaschenuckeln gesüßter Getränke ist zu vermeiden. Um Karies zu verhindern, ist der Einsatz von Fluoriden die entscheidende Maßnahme.

Fluorid stärkt die Widerstandfähigkeit des Zahnschmelzes und reduziert das Risiko für Karies, schreibt etwa das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in einer Stellungnahme. Die Tatsache, dass bei älteren Kindern und Jugendlichen die Karieszahlen deutlich zurückgegangen sind, schuldet man dem breiten Fluorideinsatz. Die Menge, die in den ersten Lebensjahren zugeführt wird, bestimmt die Widerstandsfähigkeit des Zahnschmelzes gegenüber den Säureattacken der Mikroorganismen.

Über die Frage aber, ab wann und wie die Kinderzähne mit Fluorid in Berührung kommen sollten, gibt es zwischen den wissenschaftlichen Gesellschaften der Kinderärzte und der Zahnärzte unterschiedliche Einschätzungen. Die Deutsche Gesellschaft und die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin empfehlen Babys im ersten Lebensjahr einmal täglich ein Kombinationspräparat aus 0,25 Milligramm Fluorid und Vitamin D. Mit der Zahnpflege sollten Eltern starten, wenn die ersten Zähnchen durchbrechen. Dazu empfehlen sie eine Kinderzahnpasta ohne Fluorid (wie von Dr. Hauschka oder Weleda)

Erst wenn das Kind in der Lage ist, nach dem Zähneputzen die Zahnpasta auszuspucken, sollten Zahncremes mit maximal 0,05 Prozent Fluorid (500 ppm) zum Einsatz kommen (wie nenedent® Kinderzahncreme, Elmex®Kinderzahnpasta). Ab diesem Zeitpunkt sollte auch die orale Substitution von Fluorid und Vitamin D enden.

Zahnärzte setzen auf Fluorid in

Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) sowie die Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ) empfehlen dagegen, Fluoride besser lokal, also direkt am Zahn, anzuwenden anstelle es oral einzunehmen. Fluoride wirkten in erster Linie durch direkten Kontakt mit Zahnhartsubstanz karieshemmend.

Laut DGZMK und DGKiZ müssen vor dem sechsten Lebensmonat keine Fluoride ergänzt werden. Sie empfehlen vielmehr, ab dem Durchbruch des ersten Milchzahns Kinderzahnpasten mit 500 ppm Fluorid zu verwenden. Wegen der Gefahr des Verschluckens gelten folgende Tipps: Für kleine Kinder reicht eine geringe Menge von etwa 5 mm Zahnpastastrang aus. Und am besten zu Fluor-Zahnpasta ohne Frucht- oder Bonbon-Geschmack raten. Ein leckerer Geschmack verführt die Kinder, die Paste oder das Gel zu schlucken.

Seit vergangenem Sommer fordern Experten mehrerer Fachgesellschaften aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden, darunter auch die oben genannten, den Fluoridgehalt für Kinderzahnpasten zu erhöhen. Die neuen Empfehlungen sehen nun vor, dass bereits ab dem Durchbruch des ersten Milchzahnes Kinder bis zum zweiten Geburtstag entweder zweimal täglich mit einer erbsengroßen Menge einer Zahnpasta mit 500 ppm oder mit einer reiskorngroßen Menge einer Zahnpasta mit 1000 ppm putzen sollen. Bei diesen Alternativen würden jeweils gleichgroße Mengen Fluorid verwendet, sodass sie als Äquivalent anzusehen sind.

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Darüber hinaus empfehlen die Experten Kindern vom zweiten bis sechsten Geburtstag, ihre Zähne zweimal täglich mit einer erbsengroßen Menge einer Zahnpasta mit 1000 ppm Fluorid zu reinigen. Bislang sahen die Empfehlungen in den beteiligten Ländern vor, dass Kinder bis zum sechsten Geburtstag Zahnpasten mit reduzierter Fluoridkonzentration von 500 ppm verwenden.

Anlass für die neuen Empfehlungen war die Tatsache, dass der allgemeine Trend zum Kariesrückgang im Milchgebiss im Vergleich zu den bleibenden Zähnen deutlich geringer ausfällt. Außerdem hatten neuere Analysen klinischer Studien gezeigt, dass ein überzeugender Nachweis für die Wirksamkeit von Zahnpasten mit der niedrigeren Fluoridkonzentration fehlt.

Auch international werden etwa von der American Dental Association oder von der Europäischen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde Zahnpasten mit höherer Fluoridkonzentration für Kinder bis zum Einschulalter empfohlen.

Unverändert sind die Empfehlungen für Kinder ab dem Schulalter. Kinder ab sechs Jahren können während des Wechsels von Milch- auf bleibende Zähne Erwachsenen-Zahncremes benutzen. Das sind dann solche, die einen Fluoridgehalt von 0,1 bis 0,15 Prozent (1000 bis 1500 ppm) aufweisen (wie Meridol®Zahnpasta, Sensodyne® Pro- Schmelz). Daneben sollte zum Kochen und Backen fluoridiertes Speisesalz zum Einsatz kommen.

In jedem Fall raten DGZMK und DGKiZ, bei Verwendung einer Fluoridhaltigen Zahnpasta auf die zusätzliche Applikation von Fluorid-Tabletten oder -Tropfen zu verzichten und Vitamin-D-Monopräparate zu nehmen. Fluorid-Supplemente sind nur indiziert, wenn keine fluoridhaltige Zahnpasta und kein fluoridhaltiges Speisesalz verwendet werden. Auch höher dosierte Fluoridlacke, -spülungen oder -gele (wie Elmex® junior Zahnspülung und Gelée, Miradent® Mirafluor-K-Gel, Duraphat® Lack) sollten im Kindesalter nur zum Einsatz kommen, wenn es der Zahnarzt ausdrücklich empfohlen hat.

Krümelzähne ohne Biss

Zur Vorbeugung der neuen Volkskrankheit, wie die DGZMK die Molaren-Inzisiven- Hypomineralisation (MIH) in einer Pressemitteilung bezeichnet, sind Fluoridgaben jedoch ohne Effekt. Denn die Fehlmineralisation ist im Gegensatz zu Karies nicht auf schlechte Zahnpflege zurückzuführen, so die Experten. Die Zähne schieben sich vielmehr schon mit Verfärbungen aus dem Kiefer heraus. Laut DGZMK zeigen sich bei zehn bis 15 Prozent der Kinder hierzulande die ersten bleibenden Backen- und manchmal auch die Schneidezähne mindestens verfärbt, häufig auch mit oberflächlichen Defekten. Bei den Zwölfjährigen sollen es sogar 30 Prozent sein.

Bei der MIH werden zu wenige Mineralien in den Zahnschmelz von einzelnen oder mehreren Molaren (Backenzähnen) und/oder Inzisiven (Schneidezähnen) eingelagert, was den Schmelz porös macht. Durch die Fehlmineralisation des Zahnschmelzes fehlt ein Teil der harten, anorganischen Verbindungen, die gesunden Zahnschmelz zum härtesten Material des Körpers machen. Stattdessen lagern sich vermehrt Proteine in den Schmelz ein, die ihn weich und anfällig machen. Die betroffenen Zähne sind sehr schmerzempfindlich und besonders kariesanfällig.

Warum die Häufigkeit der MIH so stark ansteigt, lässt sich nur mutmaßen, da die Auslöser der Störung unbekannt sind. Eine wesentliche Rolle scheinen laut DGZMK Weichmacher aus Kunststoffen zu spielen, vor allem Bisphenol A, die mit die Nahrung aufgenommen werden. Die Schmelzentwicklung der ersten Backen- und Schneidezähne beginnt bereits im Mutterleib zwischen dem achten Schwangerschaftsmonat und dauert bis zum vierten Lebensjahr an. Die potenziell sensible Zeitspanne ist also sehr groß. Neben Bisphenol A werden Probleme während der Schwangerschaft, Infektionen wie Windpocken, Antibiotika, Dioxine sowie chronische Erkrankungen der oberen Atemwege des Kindes diskutiert.

Ein neues Phänomen ist die Erkrankung nicht. Zwar wurde sie erst im Jahr 2001 als solche klassifiziert. Doch gab es bereits deutlich früher Beschreibungen von Zahnschmelzveränderungen. Tatsache ist, dass sich die Zahngesundheit von Kindern in Deutschland innerhalb der vergangenen Jahrzehnte deutlich verbessert hat, Karies kommt immer seltener vor. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass Zahnärzte die Verfärbungen und Zahnveränderungen früher gar nicht wahrgenommen haben, weil diese von Karies überdeckt wurden oder sie diese fälschlicherweise für Karies hielten. Erst jetzt, in den vielen kariesfreien Gebissen, wird das Phänomen augenfällig.

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