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SARS-CoV-2-Infektionen
Was ist bekannt zur Immunität?

Die Rolle der T-Zellen

Ungewiss ist, welcher Teil der Immunabwehr besonders wichtig für diesen Schutz ist. »Neben den Antikörper bildenden B-Zellen kann die T-Zell-Antwort auf den Erreger genauso wichtig sein«, erklärt Jacobs. Denn außer der Antikörperbildung hat die Immunreaktion einen zweiten Arm: die zelluläre Immunantwort. Welcher Mechanismus hier vor allem wirke, sei eine zentrale Frage für die Entwicklung eines Impfstoffs.

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass sowohl asymptomatisch Infizierte als auch Covid-19-Patienten mit schweren Erkrankungen eine robuste T-Zell-Antwort zeigen, die gegen das Spike-Protein des Virus gerichtet ist. Das berichtete zum Beispiel Crotty vor Kurzem im Journal »Cell«.

Diese T-Zellen bieten auch einen gewissen Immunschutz für spätere Infektionen, betonten Experten bei einer Veranstaltung des Science Media Center am 1. Juli. »T-Zellen haben das Potenzial, dass sie ein Gedächtnis ausbilden und dann länger persistieren«, betonte Professor Dr. Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Philipps-Universität Marburg. »Genauso wie es das T-Zell-Gedächtnis gibt, gibt es auch das B-Zell-Gedächtnis, und auch das kann wieder aktiviert werden bei einem erneuten Kontakt mit dem SARS-Coronavirus.« Wenn die Antikörpertiter nach der Infektion abnehmen, dann bedeute das nicht, dass bei einem erneuten Kontakt mit dem SARS-Coronavirus überhaupt keine Immunantwort mehr da sei. Die Zellen könnten rasch reaktiviert werden. Denn darauf beruhe schließlich das Prinzip von Impfungen, dass die Immunantwort beim zweiten Kontakt schneller und stärker ist als bei einem ersten Kontakt mit einem Erreger.

Wie sinnvoll sind Tests auf T-Zellen?

Wenn Antikörper rasch verschwinden, könnten dann Tests auf spezifische T-Zellen eine Immunität gegen nachweisen? Prinzipiell schon, betont Becker: »Aber genauso wie es unspezifische Antikörper gibt, gibt es auch unspezifische T-Zellen. Und bei den T-Zellen ist es so: Da werden lineare Epitope erkannt. Das kann möglicherweise noch unspezifischer sein als Antikörper.« Dies bedeutet, dass es eine gewisse Kreuzreaktivität bei ähnlichen Epitopen von verschiedenen Coronaviren gibt.

Dazu verweist Infektionsforscher Jacobs auf Studien aus den USA und Deutschland: Darin hatten bis zu 30 Prozent der Menschen, die nicht mit SARS-CoV-2 infiziert waren, dennoch bestimmte T-Zellen, die auf dieses Coronavirus reagierten: »Wahrscheinlich hatten sie schon einmal Kontakt mit sogenannten Common-Cold-Coronaviren«, also mit anderen Coronaviren, die herkömmliche Erkältungen auslösen. Ein solcher Kontakt könnte eine Teil-Immunität gegen Covid-19 bieten. »Das würde erklären, warum bei der Infektion so unterschiedliche Dynamiken und Symptome zu beobachten sind«, vermutet Jacobs. Noch ist allerdings unklar, ob und welchen Schutz diese sogenannte T-Zell-Reaktivität bieten könnte.

Was bedeutet das für T-Zelltests? Hierzu erklärt Professor Dr. Leif-Erik Sander von der Charité –Universitätsmedizin Berlin beim Science Media Center: »Es gibt Bereiche des Virus, die sehr spezifisch sind, mit Fokus auf diese ließe sich irgendwann hohe Spezifität der T-Zelltests erreichen.« Daran werde derzeit gearbeitet. »Diese Tests sind aber sehr aufwendig, sodass sie nicht in einem Surveillance-Maßstab durchzuführen sind.« Eine Immunität auf Bevölkerungsebene lasse sich auch mit diesen nicht untersuchen.

Die Experten sprechen sich auch deutlich gegen das Prinzip von Immunitätsausweisen aus. Derzeit sei die Wissenschaft nicht in der Lage, mit irgendeinem Nachweisverfahren für ein Individuum festzustellen, ob es immun gegenüber einer Neuinfektion oder einer Zweitinfektion ist oder nicht.

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