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Psychische Krisen
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Warum Männer oft ihre Grenzen ignorieren

Viele Männer wollen seelische Probleme allein bewältigen – selbst dann, wenn sie längst an ihre Belastungsgrenzen stoßen. Warum fällt es ihnen so schwer, Hilfe anzunehmen? Eine Psychologin zählt ernst zu nehmende Warnsignale auf.
AutorKontaktdpa
Datum 27.10.2026  14:30 Uhr

»Ich erlebe im Erstgespräch häufig Männer, die hochgradig belastet sind und trotzdem die Frage stellen: Ist das denn jetzt schlimm genug?«, so die Psychologin Katharina Piekorz aus Oberderdingen im Landkreis Karlsruhe, die »Die Onlinepraxis« betreibt. Frauen – so ihre Erfahrung – machten weniger mit sich selbst aus und kämen schneller zu dem Schluss, Hilfe zu brauchen.

»Das hat sicherlich viel mit dem Rollenbild von Männern zu tun«, sagt die Therapeutin. »Mit dem eigenen und dem, das ihnen vorgelebt wird.« Es mache einen großen Unterschied, ob ein Junge von klein auf bei seinem Vater, Großvater oder anderen männlichen Bezugspersonen sehe, dass sie über Sorgen, Ängste, Stress und Überforderung sprechen und sich bei Bedarf Unterstützung suchen. »Es muss ja nicht gleich professionelle Hilfe sein.«

Im Monat November sollen Männergesundheit und mögliche Tabuthemen in den Fokus rücken. Aus Moustache und November wird der sogenannte »Movember«. Ein Aspekt dabei: die psychische Verfassung.

Männer sterben früher als Frauen

Doch eine Forsa-Umfrage für die hkk Krankenkasse ergab, dass nur 57 Prozent der Männer mit Partnerin oder Familie über Sorgen sprechen. Im Freundeskreis machten dies 45 Prozent. Vielen falle es schwer, über Gefühle zu reden. Die Konsequenz: Mehr als jeder Dritte versuche, Probleme alleine zu bewältigen.

Wie wichtig Männergesundheit ist, zeigen Zahlen: Männer sterben im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen. »Und zwar aus Gründen, die weitgehend vermeidbar sind«, heißt es bei der Uni Tübingen. Darüber gesprochen werde viel zu selten.

Laut dem »Psychreport 2025« der Krankenkasse DAK kamen auf je 100 Versicherte bei Frauen 431 Fehltage wegen psychischer Erkrankungen, bei Männern 266. Für Piekorz ein Hinweis, dass sich Männer seltener aufgrund von psychischer Belastung eine Krankschreibung »erlauben«. Finden sie über längere Zeit keine Hilfe, kann das Suizidrisiko steigen – dabei machen Männer mit fast 70 Prozent einen überdurchschnittlichen Anteil aus.

»Im Volksmund gelten Männer als starkes Geschlecht und per se als leistungsfähig und gesund«, heißt es in einer Broschüre des Bundesgesundheitsministeriums. Doch die Zahl psychischer Erkrankungen steige. Dies werde häufig auf gesellschaftlich geprägte, geschlechtsspezifische Zwänge der Arbeitswelt zurückgeführt. Finanz- und Wirtschaftskrisen etwa führten vor allem bei Männern zu seelischen Belastungen, Burn-outs oder Depressionen.

Das sind die Warnsignale einer Überlastung

Warnsignale könnten schlechter Schlaf über längere Zeit, exzessiver Sport oder hoher Alkoholkonsum sein oder wenn man sich in Arbeit stürze, sagt Piekorz. Gerade Männer neigten zum Schweigen oder zögen sich zurück. Viele ignorierten dies eine ganze Weile. »Das ist fahrlässig.«

Die Psychologin vergleicht das mit der Motorkontrollleuchte im Auto: »Wenn die aufleuchtet, würden viele Menschen recht zeitnah in die Werkstatt fahren und nachgucken lassen, was los ist«, sagt sie. »Doch die eigenen mentalen Warnzeichen schieben viele Männer erstaunlich lange beiseite, funktionieren weiter.« Irgendwann aber stehe man auf dem Seitenstreifen, nichts gehe mehr.

Ihre Faustregel: »Wenn Belastungssymptome nicht mehr weggehen, andere einen darauf ansprechen oder Erholungszeiten zum Beispiel im Urlaub oder am Wochenende nicht mehr erholsam sind, dann wäre es gut, sich professionelle Unterstützung zu holen und genauer hinzuschauen.«

Perspektivwechsel kann männlich sein

Psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, sei kein Zeichen von Schwäche oder eine Niederlage, betont Piekorz. Es gehe um Selbstverantwortung für das eigene Leben, die eigene Gesundheit. »Und so ein Perspektivwechsel kann ja durchaus sehr männlich und stark sein, dass man sich selbst anders bewertet.«

Piekorz verweist etwa auf spezielle Beratungsstellen für Männer, niedrigschwellige Angebote wie Telefonseelsorge oder kirchliche Männerkreise. Eine Übersicht zu Beratungsangeboten in unterschiedlichen Themenfeldern finden Interessierte auch auf dem bundesweiten Portal »maennerberatungsnetz.de« des Bundesforums Männer. Daneben kann auch die Hausarztpraxis Anlaufstelle sein.

Wichtig ist es Piekorz zufolge, eine Fachkraft zu finden, »mit der es zwischenmenschlich passt und wo man sich dann auch auf Augenhöhe gut begleitet fühlt«. In vielen Fällen ist eine Beratung auch anonym möglich, etwa telefonisch, via Videocall ohne Kamera, Mail oder Chat. Das kann für Betroffene manchmal entscheidend sein. »Neben der Vertraulichkeit, die ja immer gilt, brauchen manche ein besonderes Maß an Diskretion«, stellt Piekorz fest.

Freunde können Betroffene anschubsen

Und auch Angehörige und Freunde können aktiv werden. Laut Piekorz sollten sie ruhig und konkret ansprechen, wenn sie Veränderungen beobachten. Ein Beispiel: »Ich merke, dass du dich verändert hast. Du ziehst dich immer weiter zurück, du schweigst oder stürzt dich in die Arbeit. Ich mache mir Gedanken, wie es dir geht.« Dabei sollte man Wertschätzung und Verbundenheit ausdrücken – etwa: »Du bist uns wichtig, wir brauchen dich, wir möchten, dass es dir gut geht.«

Darüber hinaus könne man konkrete Informationen und Anlaufstellen weitergeben. »Zum Hilfe-Annehmen kann man niemanden zwingen, aber ein kleines Anschubsen darf aus meiner Sicht durchaus sein – manchmal hilft es, einen konkreten Flyer vor die Nase zu halten oder einen Link zu einem passenden Angebot zu schicken«, sagt die Psychologin. »Wenn man dann ein niedrigschwelliges, männerfreundliches Angebot hat, kann das vielleicht die Chance erhöhen, dass es angenommen wird.«

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