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Postpartale psychische Erkrankungen

Von Angst und Zwang bis zur Psychose

Eine objektiv schwere oder eine subjektiv als besonders belastend und traumatisch erlebte Geburt kann ebenfalls zu erheblichen psychischen Beeinträchtigungen im Wochenbett führen. Wichtig ist, dass die Entbindung aus objektiver Sicht weder gefährlich verlaufen noch etwas Bedrohliches passiert sein muss. Bei etwa 3 Prozent der Frauen kann sich eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln. Sehr viel mehr Frauen leiden postpartal unter quälenden Gedanken und Alpträumen ohne weitere Krankheitsanzeichen.

Untersuchungen zufolge haben bestimmte Faktoren während der Geburt einen deutlichen Einfluss auf das Risiko, eine PTBS zu entwickeln. Genannt werden hier vor allem Kaiserschnittgeburten oder andere instrumentelle Eingriffe, wenig unterstützende und einfühlsame Geburtshelfer sowie eine unzureichende Vorbereitung auf das Geburtserlebnis.

Ausgeprägte Schmerzen, das Gefühl von Hilflosigkeit und Kontrollverlust werden als so schlimm erlebt, dass in der Folgezeit Flashbacks, also szenische Erinnerungen vom Geschehen, auftreten. Dies sind auch die typischen Symptome einer PTBS: wiederkehrende schmerzhafte innere Bilder des traumatischen Geburtserlebnisses (»Birth-Flashbacks«), Schlafstörungen, übermäßige Gereiztheit mit Wutausbrüchen sowie die Unfähigkeit, sich zu entspannen und von dem Erlebten Abstand zu gewinnen. Hinzu kommt, dass die Frauen konsequent alle Aktivitäten vermeiden, die sie mit dem Geburtserlebnis in Verbindung bringen, zum Beispiel Sexualität und Körperkontakt mit dem Partner, Besuch auf einer Wochenbettstation, Teilnahme an Rückbildungskursen oder Gesprächen über eine mögliche weitere Schwangerschaft.

Langfristig können Bindungsängste und eine erhöhte Ängstlichkeit im Umgang mit dem Kind entstehen. Beides belastet unter Umständen die Mutter-Kind-Beziehung und beeinflusst so möglicherweise auch das Verhalten des heranwachsenden Kindes.

Umso wichtiger ist es, dass eine posttraumatische Belastungsstörung rechtzeitig erkannt und behandelt wird. Hier steht die psychotherapeutische Behandlung im Vordergrund. Die S3-Leitlinie »Posttraumatische Belastungsstörung« (Stand 2019) empfiehlt eine Psychopharmakotherapie weder als alleinige noch als primäre Therapie (25). Antidepressiva zeigen bei PTBS nur eine geringe Effektstärke und sollten hauptsächlich bei komorbider Depression eingesetzt werden. Auch hier eignen sich vor allem SSRI, allen voran Sertralin aufgrund der geringen Milchgängigkeit.

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