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Alkohol und Corona

Viele Suchtkranke werden rückfällig

Die Coronavirus-Krise hinterlässt auch Spuren auf der Seele der Menschen. Einsamkeit und Jobunsicherheit machen vor allem Suchtkranken zu schaffen. Viele Ex-Alkoholiker finden wieder Trost im Alkohol.
dpa
19.11.2020  09:30 Uhr

Während der Coronavirus-Pandemie haben viele Ex-Alkoholiker wieder angefangen zu trinken. «Viele Menschen, die mehrere Jahre trocken waren, sind in der Isolation wieder rückfällig geworden, wie uns insbesondere die Verbände der Suchtselbsthilfe berichten», sagte Linda Heitmann, Geschäftsführerin der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen, der Deutschen Presse-Agentur. Das liege vor allem an den großen psychischen Belastungen, die durch die Pandemie ausgelöst werden. «Viele Menschen fühlen sich Befragungen zufolge einsam», sagte Heitmann. Hinzu kämen die Jobunsicherheit und manchmal auch die Langeweile, die Menschen dazu bringe, mehr Drogen und Suchtmittel zu konsumieren.

Auch in den Klinken sei die Nachfrage nach Therapieplätzen gestiegen. «Die Krankenhäuser haben im Frühjahr teilweise die Entgiftungsstationen dicht gemacht, um Betten für Corona-Patienten frei zu halten», sagte Heitmann. Das könnte auch jetzt wieder passieren, wenn die Corona-Zahlen weiter steigen. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr hätten die Menschen generell mehr Alkohol in Supermärkten und Kiosken gekauft, der Umsatz an Spirituosen sei hier um ein Drittel gestiegen. Auch beengte Wohnverhältnisse stellten für viele Suchtkranke eine hohe Belastung da. «Wenn alle aufeinanderhocken, kommt es schneller zu Streit und Konflikten», sagte die Drogen-Expertin. Daher wäre es sehr wichtig, bei einem erneuten Lockdown die Angebote der Suchtberatung und -behandlung offen zu halten. Vielfach seien Reha-Gruppen geteilt oder gedrittelt worden, sodass mehr Fachkräfte eingesetzt werden mussten. «Hier wünschen wir uns einen finanziellen Ausgleich von den Kostenträgern wie Krankenkassen und Rentenversicherungen», sagte Heitmann.

Die Dunkelziffer bei Suchtkranken ist hoch. «Wir sehen ja nur die Menschen, die in die Behandlung kommen», sagte Heitmann. Bei Alkoholkranken dauere es zwischen acht und zehn Jahren, bis sie Hilfe in Anspruch nehmen. Schätzungen gehen davon aus, dass bundesweit rund 3,5 Millionen Menschen einen problematischen Alkoholkonsum haben.

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