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Ausnahmezustand in Straßburg

Versorgung am Limit

Ein Blick über die Grenze nach Westen gleicht derzeit für deutsche Mediziner einem Blick in eine mögliche Zukunft. In Straßburg kollabiert gerade die Gesundheitsversorgung unter der riesigen Last der Coronavirus-Patienten.
Theo Dingermann
27.03.2020
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Wie die Versorgungssituation während der Corona-Pandemie eskalieren kann, zeigt ein Bericht des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin (DIFKM) über einen Besuch bei ärztlichen Kollegen der Universitätsklinik Straßburg am 23. März 2020. Der Bericht wurde dem Innenministerium und dem Sozialministerium sowie dem SARS-CoV-2 Führungsstab des Landes Baden-Württemberg vom DIFKM übermittelt, um dringend notwendige Konsequenzen für die Versorgung in Deutschland einzufordern.

Der Lagebericht der Delegation, der nur stichpunktartig formuliert ist, verdeutlicht in schonungsloser Klarheit, was passieren kann, wenn die Pandemie auf ein nicht ausreichend vorbereitetes Versorgungssystem stößt. In Straßburg musste praktisch das gesamte Universitätsklinikum auf die Versorgung von Covid-19-Patienten umgestellt werden. Momentan erfolgt nur noch eine lebenswichtige Bypass-Operation pro Tag. Die Abteilungen Tumorchirurgie, Endoprothetik, operative Frakturversorgung und ambulante Operationen sind derzeit stillgelegt. Alle gehfähigen Patienten werden, soweit dies gesundheitlich vertretbar, großzügig entlassen.

Pro Stunde ein beatmungspflichtiger Patient mehr

Am 23. März 2020, so der Bericht, erfolgte pro Stunde eine Aufnahme eines beatmungspflichtigen Patienten. Die Intensivstation ist komplett belegt. Aktuell werden die Zimmer der Intensivstation, die normalerweise auf Überdruck ausgelegt sind, auf Unterdruck umgerüstet, sodass die Luft von der Station über das Zimmer abgesaugt wird. Das soll die Verbreitung des Virus eindämmen.

Das Pflegepersonal wurde um den Faktor 4 aufgestockt, damit die Pflegekräfte die Zimmer nicht so oft verlassen müssen. Unerfahrene Pflegekräfte und Ärzte werden per Protokoll mit der Handhabung der komplizierten Geräte vertraut gemacht. Eine reguläre Schulung und Einarbeitung ist nicht mehr möglich. Die Kapazität am Beatmungsplätzen wird notdürftig mit »einfacher« Ausrüstung aus Operationssälen, OP-Vorbereitungsräumen und Aufwachräumen ergänzt.

Seit dem 21. März 2020 werden keine Patienten über 80 Jahre mehr intubiert. Stattdessen erfolgt eine Sterbebegleitung durch Opiate und Schlafmittel. Dies gilt auch für Pflegeheime. Dort erhalten beatmungspflichtige Patienten über 80 Jahre eine schnelle Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmitteln durch den Rettungsdienst. Hierzu existieret ein Vorgehensprotokoll, das durch eine Ethikkommission mit hoheitlichem Status erstellt und verantwortet wurde.

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