| Jennifer Evans |
| 03.11.2026 07:00 Uhr |
Zerreißprobe: Viele Menschen müssen mit ihren Beschwerden zurechtkommen, ohne eine Erklärung dafür zu haben. / © Getty Images/Olga Rolenko
Wer dauernd unter Schmerzen leidet, sucht nach einer Erklärung. Fehlt allerdings eine Diagnose oder geht gar eine vormals gestellte verloren, sind die Menschen oft verwirrt und orientierungslos. Ein Team um Dr. Chloe Saunders, die zu Neuropsychiatrie und Psychosomatik an der dänischen Universität Aarhus forscht, beschreibt, wie groß die psychische Belastung dieses Zustandes für Betroffene sein kann.
Das Problem: Ohne objektive ärztliche Befunde oder eine allgemein anerkannte Diagnose nehmen Gesundheitsfachkräfte Patientinnen und Patienten mitunter als weniger glaubwürdige Zeugen ihrer eigenen Erkrankung wahr. Die Forschenden sprechen von »testimonial injustice«, sprich: Die Erfahrungen der Betroffenen wiegen weniger als die Laborwerte. Das kann laut der Studie die Gefühle von Ohnmacht, Selbstzweifeln und sozialer Isolation verstärken.
Hinzu kommt, dass die leidenden Menschen ihre Beschwerden weder gegenüber sich selbst noch ihrem sozialen Umfeld verständlich machen können. Sie haben zwar Symptome, aber keine allgemein akzeptierte Geschichte, die diese Symptome erklärt. Gleichzeitig pendeln einige zwischen Deutungsansätzen aus Arztpraxis, Internet oder Mitmenschen hin und her – ohne einen gemeinsamen Nenner.
Als Folge entwickeln manche von ihnen eine eigene Erklärung. Widersprechen diese Vorstellungen allerdings medizinischen Denkmodellen, entstehen oftmals Spannungen mit der Ärzteschaft. Die Studie spricht von einer »epistemologischen Inkongruenz«, also von einem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Wahrheiten.
Eine Diagnose hat demzufolge nicht nur eine medizinische Funktion, sondern ist auch Grundlage für die Krankheitsidentität. Diese hilft Menschen zu verstehen, wer sie sind und was mit ihrem Körper gerade passiert. Fehlt sie, könne das die Verarbeitung der Erkrankung, die Sinngebung und sogar die Vorstellung von Genesung behindern, heißt es in der Untersuchung, die im Fachjournal »Medical Humanities« erschienen ist.