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Klimawandelfolgen
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Tropenkrankheiten vor der Haustür

Vibrionen, Chikungunya-Viren und Leptospiren – einige Tropenkrankheiten sind inzwischen auch in Deutschland oder seinen Nachbarländern zu finden. Darüber berichtete der Reisemediziner Dr. Sebastian Wendt beim Sächsischen Apothekertag am 14. März in Chemnitz. 
AutorKontaktChristina Hohmann-Jeddi
Datum 16.03.2026  16:20 Uhr

Bedingt durch den Klimawandel nimmt die Zahl der Extremwetterereignisse wie Starkregen und die Zahl der Hitzetage seit Jahrzehnten zu. Über die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die menschliche Gesundheit berichtete Dr. Sebastian Wendt vom Universitätsklinikum Halle/Saale, Vorstand der Deutschen Fachgesellschaft für Reisemedizin (DFR), beim Pharmazeutischen Fortbildungstag im Rahmen des Sächsischen Apothekertags vergangenes Wochenende in Chemnitz. »Insgesamt kann man die Hälfte der menschlichen Erkrankungen mit dem Klimawandel in Verbindung bringen.«

So wirke sich der Klimawandel zum Beispiel durch direkten Hitzestress, aber auch durch Ausbreitung von Allergenen (Pollen), Verbreitung von Vektoren von Infektionskrankheiten wie Zecken und Mücken und auch durch Verbreitung von wasserbürtigen Infektionen aus.

Nach Überschwemmungen steigen etwa Risiken für bestimmte Infektionen. Nach der Ahrtal-Überschwemmung 2021 habe man das Wasser auf Erreger wie Leptospiren überwacht und die Helfenden auf einen Impfschutz gegen Hepatitis A hin überprüft.

Tropische Erreger im Wasser

Leptospirose ist eine Tropenkrankheit, die zunehmend in Deutschland zu finden ist und mit Wasser und Wassersport zusammenhängt. Die Erreger, schraubenförmige Stäbchen-Bakterien, gelangen über den Kot von infizierten Nagern, die das Hauptreservoir des Erregers darstellen, in Wasseransammlungen etwa in Kanälen. Der Mensch kann sich durch den Kontakt mit kontaminiertem Wasser oder dem Urin erkrankter Tiere, zum Beispiel von Hunden oder Katzen, anstecken.

Meist gelangen die Bakterien über kleine Wunden in den menschlichen Organismus. Die Erkrankung äußert sich entweder mit grippeähnlichen Beschwerden, kann aber auch zu Gelbsucht (Ikterus), Nierenversagen oder Meningitis führen, berichtete Wendt. Viele Verläufe sind mild, die Infektion kann aber auch tödlich enden.

Beim Baden in der Ostsee kann man auf einen weiteren tropischen Erreger stoßen: Vibrio vulnificus, das manchmal als »fleischfressendes Bakterium« bezeichnet wird. Der Erreger kann sich an den Stränden im flachen, warmen Wasser gut vermehren, weshalb gerade in den Monaten August und September Infektionen von der Ostsee gemeldet werden. Über den aktuellen Stand der Infektionsgefahr informiert die Europäische Seuchenschutzbehörde ECDC in einer Vibrionen-Karte.

Wenn die Erreger über kleine Hautwunden in den Körper gelangen, kann die Erkrankung relativ schnell fortschreiten, sodass nach ein, zwei Tagen schon Amputationen notwendig werden können, weil der Erreger das Gewebe auflöst, berichtete Wendt. »In der Ostsee baden zu gehen, ist für Diabetiker mit offenen Beinen oder Immunsupprimierte keine gute Idee – zumindest nicht in den Sommermonaten.«

Heimische und eingeschleppte Mückenarten als Infektions-Überträger

Durch den Klimawandel können sich auch infektionsübertragende Mücken und mit ihnen einige exotische Viren in Deutschland und Umgebung ausbreiten. Und auch die heimischen Arten haben ein gewisses Vektorpotenzial. »Etwa die Hälfte der in Deutschland ansässigen Mückenarten kann tropische Viren übertragen«, sagte der Reisemediziner.

Ein Beispiel für ein tropisches Pathogen ist das West-Nil-Virus, das vor allem in Berlin und Leipzig und dem Gebiet dazwischen schon einzelne Infektionen ausgelöst hat. Die gemeldeten Erkrankungen seien aber wohl »nur die Spitze des Eisbergs«, sagte Wendt. Vermutlich habe sich das Virus schon stärker ausgebreitet.

Bis in die Nähe der deutschen Grenze, nämlich ins Elsass, hat es inzwischen auch das tropische Chikungunya-Virus geschafft. »In den nächsten Jahren werden wir auch Fälle in Deutschland haben«, ist der Mediziner überzeugt.

Das Dengue-Fieber verbreitet sich mit der Mücke Aedes albopictus zunehmend in Frankreich, Italien und Spanien und könnte irgendwann auch Deutschland erreichen, berichtete Wendt. Derzeit seien aber noch alle Denguefieber-Fälle aus dem Ausland importiert. Autochthone Infektionen wurden noch nicht gemeldet.

Mückenschutz nach Reise auch zu Hause weiter anwenden

Reiserückkehrern empfiehlt die DFR, nach einer Reise in entsprechende Gebiete noch 14 Tage lang Mückenschutz anzuwenden, auch wenn sie keine Symptome haben, um das heimische Mückenreservoir erregerfrei zu halten. Außerdem sei Mückenschutz auch in Deutschland eine gute Idee: »Wir empfehlen Mückenschutz auf Reisen, gehen aber zu Hause in Auwäldern mit kurzen Hosen joggen.«

Seiner Ansicht nach können Mitarbeitende in Apotheken einen Beitrag dazu leisten, für das Thema tropische Erkrankungen in Deutschland zu sensibilisieren und sich auch in der Reiseberatung zu engagieren.

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