| Annette Rößler |
| 20.05.2026 18:00 Uhr |
Anders als der deutsche Name vermuten lässt, sind die Läsionen bei Alopecia areata nicht immer kreisrund. Meistens sind sie jedoch scharf umgrenzt. / © Adobe Stock/AliciaFdez
Die Alopecia areata (AA) ist eine chronische immunvermittelte Erkrankung, bei der es in umschriebenen Arealen zu Haarausfall kommt. Die Ausdehnung reicht von kleinen haarlosen Arealen auf der Kopfhaut bis zum vollständigen Verlust der Kopf- und Körperhaare. Der Verlauf ist unvorhersehbar und variabel. So kann es im Laufe der Zeit zu Schüben, zur spontanen Remission oder auch zu einem Fortbestehen von ausgeprägter Haarlosigkeit kommen.
Die Ursache der AA ist noch nicht vollständig geklärt. Laut der wichtigsten Hypothese ist es ein komplexes Zusammenspiel zwischen (epi)genetischer Prädisposition und vermuteten auslösenden Faktoren wie Virusinfektionen, physischem oder emotionalem Stress. In der Folge kommt es zu einer regionalen Hochregulierung der Zytokinproduktion, wodurch das sogenannte Immunprivileg des Haarfollikels zusammenbricht.
Was es damit auf sich hat, erklärt Professor Dr. Ulrike Blume-Peytavi von der Berliner Charité, die Koordinatorin der neuen S3-Leitlinie, in einer Pressemitteilung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG): »In einigen wenigen Geweben und Organen im menschlichen Körper, zum Beispiel dem Haarfollikel, ist zum Selbstschutz die Immunantwort herabgesetzt. Es ist also ein Privileg, dass das Immunsystem hier vermindert wirkt.« Normalerweise fänden sich dort nur einzelne verstreute Immunzellen. Verliert der Haarfollikel sein Immunprivileg, kommt es laut der Leitlinie zu einer Aktivierung autoreaktiver zytotoxischer T-Zellen, die gegen Autoantigene des Haarfollikels gerichtet sind.
In Deutschland sind etwa 170.000 Menschen von AA betroffen und die jährliche Neuerkrankungsrate beträgt etwa 70.000. Eine kausale Therapie gibt es derzeit nicht, die symptomatische Therapie erzielt laut DDG aber bei einem Teil der Betroffenen durchaus gute Erfolge. Eine spontane Remission ist vor allem in den ersten sechs Monaten nach Auftreten einer AA und bei milder, umschriebener Erkrankung möglich, allerdings mit einem Anteil von weniger als 10 Prozent der Patienten selten.
Da die Erkrankung sichtbar ist, erleben viele Betroffene Abwehr und Misstrauen in ihrem sozialen Umfeld – vor allem junge Patienten: »Die Krankheit ist in jedem Alter eine Herausforderung, aber Kinder und Jugendliche sind aus meiner Erfahrung besonders anfällig für psychische Belastung sowie Mobbing und soziale Isolation durch Gleichaltrige«, betont Blume-Peytavi. Betroffene sollen daher gemäß der Leitlinie von Anfang an umfassend über psychosoziale Hilfs- und kosmetische Angebote informiert werden.
Auch der Bart kann von Alopecia areata betroffen sein. / © Getty Images/VioletaStoimenova
Die Schwere der Erkrankung kann mit dem Severity of Alopecia Tool (SALT) ermittelt werden. Der SALT-Score beschreibt den Anteil an Haarverlust auf der Kopfhaut: 0 Prozent Kopfhaarverlust = SALT-Score 0, 100 Prozent Kopfhaarverlust = SALT-Score 100. Auch wenn der SALT-Score Nachteile hat – die psychische Belastung bleibt außen vor und es wird ausschließlich das Kopfhaar berücksichtigt, nicht auch der Bart, die Augenbrauen, Wimpern und andere Körperbehaarung – ist eine Einteilung gemäß SALT-Score üblich. So spricht man von einer milden AA bei einem SALT-Score von 0 bis 24, von einer moderaten AA bei Werten zwischen 25 und 49, von einer schweren AA bei einem SALT-Score zwischen 50 und 74 sowie einer sehr schweren AA bei einem SALT-Score von 75 bis 100.