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Gentherapien

TK setzt auf dynamische Preise

Innovative Gentherapien wecken große Hoffnung in der Medizin. Doch die äußerst kostspieligen Arzneimittel könnten das Gesundheitssystem finanziell an seine Grenzen bringen. Die Techniker Krankenkassen bringt nun ein neues Modell zur Preisfindung und Bewertung dieser Therapien ins Spiel.
Stephanie Schersch
27.02.2019
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Es ist noch gar nicht lange her, da hat die sogenannte 1000-Dollar-Pille weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Das Arzneimittel Sovaldi® galt als Durchbruch in der Behandlung von Hepatitis C – und stand mit Therapiekosten von rund 60.000 Euro pro Patient zugleich massiv in der Kritik.

Wer heute auf die potenziellen Kosten innovativer Gentherapien schaut, dem dürfte der Fall Sovaldi allenfalls ein müdes Lächeln abringen. Laut Techniker Krankenkasse (TK) könnte etwa 2023 eine neue Therapie zur Behandlung der Bluterkrankheit auf den Markt kommen. Die Kosten hat die Kasse auf rund 1 Million Euro pro Patient geschätzt. Bei 4000 Bluter-Patienten deutschlandweit stiegen die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) damit auf rund 4 Milliarden Euro allein für diese eine Therapie – das wären etwa 10 Prozent der aktuellen Gesamt-Arzneimittelausgaben in der GKV.

Experten rechnen auch in anderen Bereichen mit ähnlichen Innovationen. »Das zeigt die Dynamik und den finanziellen Sprengstoff der aktuellen Entwicklung«, sagte TK-Chef Jens Baas heute in Berlin. Genau darauf müsse sich das deutsche Gesundheitswesen jetzt vorbereiten. Denn das gängige System von Zulassung und Erstattung greife bei den neuen Therapien schlichtweg zu kurz.

Evidenzlücken schließen

Neue Arzneimittel müssen hierzulande seit 2011 eine frühe Nutzenbewertung durchlaufen und beweisen, dass sie mehr können als die gängigen Therapien im Markt. Das Ergebnis dieser Prüfung ist anschließend Grundlage für Preisverhandlungen zwischen Herstellern und Krankenkassen. Im ersten Jahr nach Marktzugang dürfen die Unternehmen den Preis für ihre Arzneimittel allerdings selbst bestimmen.

Für neue Gentherapien sollte nach Meinung der TK in Zukunft ein anderes Verfahren greifen. Im Mittelpunkt steht dabei ein zentrales Register beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), in das alle Daten einfließen sollen, die im Rahmen der Anwendung der neuen Präparate gesammelt werden. »Dadurch können wir beim Markteintritt noch bestehende Evidenzlücken so schnell wie möglich schließen, was zu einer höheren Patientensicherheit führt«, erklärte TK-Arzneimittelexperte Tim Steimle. Hintergrund ist die auch aufgrund kleiner Patientenkollektive oftmals noch recht dünne Datenlage bei Zulassung entsprechender Therapien.

Zwei Jahre lang sollen die Hersteller die Preise zudem frei wählen können – allerdings nur bis zu einer Obergrenze, die sich an europäischen Durchschnittspreisen orientiert. Nach 24 Monaten verhandeln Krankenkassen und Industrie dann auf Basis der gesammelten Daten über einen Erstattungsbetrag. Beide Seiten sollen dann alle zwölf Monate an den Verhandlungstisch zurückkehren, um mit Blick auf die jüngsten Daten aus dem Register den Preis anzuheben oder herabzusetzen.

Aufschläge für europäische Produktion

Aus Sicht der TK würde ein solches Modell jederzeit faire Preise garantieren. Um gezielt die Arzneimittelindustrie vor Ort zu unterstützen, sollen Unternehmen, die in Deutschland oder Europa forschen und entwickeln, in den ersten zwei Jahren zudem einen Aufschlag erheben können. Will ein Hersteller auf die gesammelten Daten aus den Registern zugreifen, werden hingegen Abschläge fällig.

Ob eine neue Therapie das reguläre Verfahren mit früher Nutzenbewertung durchläuft oder für das sogenannte dynamische Evidenzpreismodell infrage kommt, soll aus Sicht der TK der G-BA entscheiden. TK-Chef Baas forderte die Politik auf, zeitnah ein entsprechend neues Bewertungsverfahren für Gentherapien zu verankern. Demnach sollte die Bundesregierung »noch in dieser Legislaturperiode« aktiv werden.

 

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