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Häufige Arzneistoffe

Steckbrief Colecalciferol

Mit Colecalciferol (Vitamin D3) taucht erstmals ein Vitamin unter den häufig verordneten Arzneistoffen auf. Es ist für einen gesunden Knochen- und Calciumstoffwechsel unentbehrlich. Ob es darüber hinaus bei anderen Erkrankungen eine Rolle spielt, wird immer wieder kontrovers diskutiert. Das hat zuletzt das Beispiel Covid-19 gezeigt.
Carolin Lang
21.04.2021  12:00 Uhr

Welche Einsatzgebiete hat Colecalciferol?

Colecalciferol kommt zur unterstützenden Behandlung der Osteoporose bei Erwachsenen zum Einsatz. Außerdem dient es der Rachitis-Prophylaxe bei Frühgeborenen. Bei Kindern und Erwachsenen ist es außerdem zur Vorbeugung von Rachitis und Osteomalazie sowie bei erkennbarem Risiko einer Vitamin-D-Mangelerkrankung bei ansonsten Gesunden ohne Resorptionsstörung indiziert.

Wie wirkt Colecalciferol?

Belegt ist die Wirkung von Colecalciferol (Vitamin D3) auf den Calcium- und Knochenstoffwechsel. Das sogenannte Prohormon selbst ist dabei praktisch nicht wirksam, die aktive Form ist das Calcitriol. Es erhöht den Blutcalciumspiegel, indem es die Calciumresorption aus dem Darm, die Rückresorption von Calcium in der Niere sowie die Aktivität der Osteoklasten steigert. Obwohl Osteoklasten Calciumionen aus den Knochen mobilisieren, führt Calcitriol unter dem Strich zum Knochenaufbau, denn dieser ist an eine ausreichende Calciumkonzentration im Blut gebunden. Zur Behandlung der Osteoporose wird Colecalciferol daher stets mit Calcium kombiniert.

Wie wird Colecalciferol dosiert?

Die Dosiseinheit bei Vitamin D wird meist in Internationalen Einheiten (IE) angegeben. Eine IE entspricht dabei 0,025 µg. Der Dachverband der osteologischen Gesellschaften (DVO) empfiehlt zur Osteoporose-Prophylaxe die Sicherstellung der Zufuhr einer ausreichenden Menge an Calcium (1000 mg/Tag) und Vitamin D (800 IE/Tag) mit der Ernährung. Supplemente sollten dann eingenommen werden, wenn diese Menge nicht sicher erreicht werden kann. Die isolierte Zufuhr von Vitamin D wird nicht empfohlen.

Zur Rachitis-Prophylaxe bei Frühgeborenen ist die Dosis durch den behandelnden Arzt festzulegen. Auch die Anwendung bei Neugeborenen und Säuglingen darf nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Zur Vorbeugung gegen Rachitis und Osteomalazie bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sind je nach Hersteller zwischen 400 und 500 IE täglich empfohlen. Bei erkennbarem Risiko einer Vitamin-D-Mangelerkrankung sind es zwischen 400 IE bis 800 IE täglich. Fertigarzneimittel, bei denen eine Einzeldosis 20.000 IE oder 25.000 IE Colecalciferol enthält, sind zur Anfangsbehandlung von Vitamin-D-Mangelzuständen indiziert.

Was passiert bei einer Überdosierung mit Colecalciferol?

Da Vitamin D zu den fettlöslichen Vitaminen gehört, wird es bei Überschuss nicht mit dem Urin ausgeschieden, sondern sammelt sich im Körper an. Eine Überdosierung kann eine Hypercalcämie verursachen, die zu Calciumablagerungen in der Niere und den Gefäßen führen und somit lebensbedrohlich sein kann. Klinische Symptome einer Überdosierung sind Erbrechen, Durchfall, Kopf- und Gelenkschmerzen. Während einer Langzeitbehandlung mit Tagesdosen über 500 IE sollten laut der Fachinformation von Vigantol® die Calciumspiegel im Serum und im Urin regelmäßig überwacht werden und die Nierenfunktion durch Messung des Serumkreatinins überprüft werden.

Welche Nebenwirkungen kann Colecalciferol haben?

Die Einnahme kann zu Hypercalcämie und Hypercalciurie führen. Auch gastrointestinale Beschwerden wie Obstipation, Flatulenz, Übelkeit, Abdominalschmerzen oder Diarrhö können auftreten. Im Bereich der Haut sind Überempfindlichkeitsreaktionen wie Pruritus, Ausschlag oder Urtikaria möglich.

Welche Wechselwirkungen können mit Colecalciferol auftreten?

Die gleichzeitige Einnahme von Thiazid-Diuretika kann durch die Verringerung der renalen Calciumausscheidung eine Hypercalcämie begünstigen. Colecalciferol kann zudem die Wirksamkeit und Toxizität von Digitalis-Glykosiden infolge erhöhter Calciumspiegel verstärken. Die Kombination mit Rifampicin, Isoniazid und Glucocorticoiden kann den Vitamin-D-Metabolismus steigern und die Wirksamkeit reduzieren. Einige Antikonvulsiva wie Phenobarbital, Phenytoin und andere Barbiturate können die Wirkung von Vitamin D verringern.

Was ist in Schwangerschaft und Stillzeit zu beachten?

Während der Schwangerschaft und Stillzeit ist eine ausreichende Aufnahme von Vitamin D nötig. Bei fehlender endogener Synthese empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung während der Schwangerschaft 800 IE Vitamin D pro Tag. Überdosierungen müssen verhindert werden, da eine langanhaltende Hypercalcämie zu körperlicher und geistiger Retardierung, supravalvulärer Aortenstenose und Retinopathie des Kindes führen kann. Vitamin D und seine Stoffwechselprodukte gehen in die Muttermilch über, was bei der Verabreichung von zusätzlichem Vitamin D an Säuglinge berücksichtigt werden sollte.

Hat Colecalciferol Effekte über die Knochengesundheit hinaus?

Die Einnahme von Vitamin D wird immer wieder zur Vorbeugung verschiedener Erkrankungen propagiert – und zwar mit einer Vehemenz, die teilweise »pseudoreligiöse Züge« habe, wie der Apotheker und Ernährungswissenschaftler Professor Dr. Martin Smollich von der Universität Lübeck kürzlich gegenüber der Zeitung »Die Welt« sagte. In einigen Studien konnten zwar auch Effekte auf kardiale, renale, neuronale oder muskuläre Funktionen nachgewiesen werden. Allerdings wurden dabei häufig Calcitriol-Konzentrationen verwendet, die weit über den physiologischen Plasmakonzentrationen liegen. Die am besten charakterisierte »nicht klassische« Funktion ist die als Immunmodulator: Vitamin D stimuliert das angeborene Immunsystem und inhibiert das adaptive. Es steigert die Aktivität von Phagozyten, induziert die Freisetzung antimikrobieller Peptide und hemmt die Synthese inflammatorischer Zytokine.

Ob diese Effekte bei Covid-19 zum Tragen kommen, wurde zuletzt viel diskutiert. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Vitamin-D-Spiegel und einem erhöhten Risiko für eine SARS-CoV-2-Infektion oder einen schweren Covid-19-Verlauf ist bislang aber nicht eindeutig nachgewiesen. Vorerst empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie Personen in Risikogruppen zur Sicherstellung einer ausreichenden Vitamin-D-Versorgung die tägliche Einnahme von 400 bis 1000 IE. Hierzu zählt die Fachgesellschaft Ältere, Bewohner von Pflegeeinrichtungen und chronisch kranke Menschen, die sich nur selten im Freien aufhalten.

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