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Häufige Arzneistoffe
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Steckbrief Colchicin

Das Alkaloid Colchicin wird seit Jahrzehnten bei rheumatischen Erkrankungen wie der Gicht eingesetzt. Außerhalb der Rheumatologie hat sich inzwischen eine weitere Indikation hinzugesellt: die Prävention kardiovaskulärer Ereignisse.
AutorKontaktKerstin A. Gräfe
Datum 17.06.2026  07:00 Uhr

Wie wirkt Colchicin?

Colchicin ist ein Alkaloid der Herbstzeitlose (Colchicum autumnale). Es wirkt antimitotisch und antiinflammatorisch, wobei der Wirkmechanismus nicht vollständig geklärt ist. Bekannt ist, dass Colchicin die Funktionen des Zytoskeletts durch Hemmung der β-Tubulin-Polymerisation in Mikrotubuli beeinträchtigt und folglich die Aktivierung, Degranulation und Migration von Neutrophilen verhindert. Zudem gibt es Hinweise, dass Colchicin den intrazellulären Aufbau des Inflammasom-Komplexes in Neutrophilen und Monozyten stören kann, der die Aktivierung von Interleukin-1β vermittelt.

Wozu wird Colchicin eingesetzt?

Colchicin wird eingesetzt zur Behandlung und zur Prävention von akuten Gichtanfällen. Ein weiteres Indikationsgebiet ist die seltene autoinflammatorische Erkrankung familiäres Mittelmeerfieber (FMF), bei der Colchicin zur Prävention von Fieberschüben und Amyloidose angewendet wird. 

Zudem ist Colchicin seit Anfang 2026 bei bestimmten Patienten zur Prophylaxe von ischämischen kardiovaskulären Ereignissen zugelassen (Colxi™ 0,5 mg Filmtabletten, Apontis Pharma). Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) bescheinigte dem Alkaloid in dieser Indikation einen Anhaltspunkt für einen nicht quantifizierbaren Zusatznutzen im Vergleich zur optimierten Standardbehandlung.

Wie wird Colchicin dosiert?

Beim akuten Gichtanfall werden zwei- bis dreimal täglich 0,5 mg Colchicin eingenommen, gegebenenfalls davor eine Anfangsdosis von 1 mg. Die Behandlung sollte beendet werden, wenn der Anfall abgeklungen ist oder früher, wenn gastrointestinale Symptome auftreten oder wenn nach zwei bis drei Tagen keine Besserung eingetreten ist. Je Behandlungszyklus sollten nicht mehr als insgesamt 6 mg Colchicin eingenommen werden. Nach dem Ende eines Zyklus sollte mindestens drei Tage lang kein neuer Zyklus begonnen werden.

Als Anfallsprophylaxe sollten 0,5 bis 1 mg Colchicin täglich abends über drei bis sechs Monate eingenommen werden.

Zur Prophylaxe kardiovaskulärer Ereignisse nehmen die Patienten zusätzlich zu ihrer Standardtherapie einmal täglich 0,5 mg Colchicin ein.

Welche Wechselwirkungen können unter Colchicin auftreten?

Colchicin ist ein Substrat von CYP3A4 und des Transportproteins P-Glykoprotein (P-gp). Daraus resultiert ein breites Spektrum an potenziellen Interaktionen, das zu beachten besonders wichtig ist, da Colchicin eine geringe therapeutische Breite hat. So kam es bei gleichzeitiger Einnahme von Colchicin mit dem potenten CYP3A4-Hemmer Clarithromycin bei Patienten mit Niereninsuffizienz zu Todesfällen.

Die gleichzeitige Anwendung mit starken CYP3A4-Hemmern und/oder starken P-gp-Hemmern ist kontraindiziert. Die Kombination mit mittelstarken CYP3A4-Inhibitoren ist bei älteren Patienten sowie bei Patienten mit mittelschwerer Nieren- oder Leberfunktionsstörung zu vermeiden.

Auch Cimetidin und Tolbutamid können den Metabolismus von Colchicin herabsetzen und damit dessen Blutplasmaspiegel erhöhen. Bei gleichzeitiger Anwendung von Statinen, Fibraten, Ciclosporin oder Digoxin ist das Risiko für Rhabdomyolyse erhöht.

Die langfristige Einnahme von Colchicin kann die Aufnahme von Vitamin B12 im Dünndarm hemmen.

Welche Kontraindikationen gibt es?

Colchicin darf nicht angewendet werden bei schwerer Nierenfunktionsstörung sowie bei schwerer Leberfunktionsstörung und Störungen des Blutbilds. Ebenfalls kontraindiziert ist Colchicin zusammen mit Grapefruitsaft.

Welche Nebenwirkungen kann Colchicin haben?

Die häufigsten Nebenwirkungen betreffen Gewebe mit einer hohen Proliferationsrate wie den Gastrointestinaltrakt und das Knochenmark. Dazu zählen Bauchschmerzen, Bauchkrämpfe, Übelkeit, Durchfälle und Erbrechen. Die gastrointestinalen Effekte treten dosisabhängig auf und sind nach Dosisreduktion reversibel.

Eine seltene Knochenmarkdepression kann sich als Thrombozytopenie, Agranulozytose oder aplastische Anämie äußern. Ebenfalls selten sind Nebenwirkungen an der Skelettmuskulatur wie Krämpfe, Schwäche und Myalgien.

Darf Colchicin in Schwangerschaft und Stillzeit angewendet werden?

Lange Zeit war unklar, ob Colchicin als Mitosehemmstoff, der zudem plazentagängig ist, embryotoxisch ist. Laut Fachinformation soll der Wirkstoff bei Schwangeren mit Gicht und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht zuverlässig verhüten, nicht angewendet werden. Eine Einnahme solle lediglich erwogen werden, wenn andere Behandlungsmöglichkeiten, einschließlich nicht steroidaler Antirheumatika und Glucocorticoide, nicht infrage kommen.

Mehrere Metaanalysen konnten allerdings keinen Anstieg der Häufigkeit chromosomaler Anomalien bei Kindern beobachten (»Rheumatology« 2018, DOI: 10.1093/rheumatology/kex353; »Frontiers in Pharmacology« 2021, DOI: 10.3389/fphar.2020.612259). Colchicin könne auch bei Kinderwunsch oder in der Schwangerschaft weiter eingenommen werden, lautet das Fazit der Autoren. Auch Embryotox.de, das Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Berliner Charité, empfiehlt zum Beispiel schwangeren FMF-Patientinnen die Weitereinnahme.

Was das Stillen betrifft, sollte Colchicin laut Fachinformation von stillenden Frauen mit Gicht nicht angewendet werden. Embryotox.de zufolge ist Stillen unter Colchicin akzeptabel.

Was sind die Anzeichen einer Colchicin-Vergiftung?

Schwere Colchicin-Vergiftungen sind eher selten. Grob können sie in drei Phasen eingeteilt werden. In der initialen Phase kommt es innerhalb von 24 Stunden zu Bauchkrämpfen, Durchfällen, Übelkeit und Erbrechen bis hin zu schweren, blutigen Entzündungen des Magen-Darm-Trakts. Die zweite Phase (1 bis 7 Tage nach Einnahme) ist gekennzeichnet durch Multiorganversagen. In dieser Phase kommt es zu den meisten Todesfällen. Überlebt der Patient, setzt nach 7 bis 21 Tagen die Erholungsphase ein.

Ein spezielles Antidot gibt es nicht. Die Behandlung erfolgt rein symptomatisch. In der Initialphase sind eine Magenspülung und die Gabe von Aktivkohle sinnvoll. Eine Hämodialyse ist aufgrund des hohen Verteilungsvolumens von Colchicin nicht effektiv. Anschließend folgt eine symptomatische Therapie unter Kontrolle der Atmung, Aufrechterhaltung von Blutdruck und Kreislauf sowie Flüssigkeits- und Elektrolytkorrektur.

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