| Jennifer Evans |
| 06.08.2026 09:00 Uhr |
Jugendliche erzählen – KI hört zu: Linguistische Modelle erkennen Sprachmuster für psychische Erkrankungen, die Menschen übersehen. / © Getty Images/Westend61
Sprechen Kinder über belastende Ereignisse, können Sprachmodelle daraus eine Menge ableiten. Anhand der Wortwahl sagte die künstliche Intelligenz bei einer Studie voraus, welche der mehr als 200 Befragten sechs Jahre später eine psychische Erkrankung entwickeln würden – besser als geschultes Fachpersonal, wie Untersuchungen am Labor des Psychologieprofessors Dr. Ian Gotlib an der Stanford Universität zeigten. Dort untersucht er, wie sich Stress in der frühen Kindheit auf die Psyche auswirkt und die Gehirnentwicklung prägt.
Die Forschenden hörten sich dafür aufgezeichnete Interviews mit Kindern und Jugendlichen an, die zwischen 9 und 13 Jahre alt waren. Die Gespräche drehten sich um Stress, Konflikte und schwierige Situationen in ihrem Alltag. Insgesamt analysierten vier unterschiedliche Modelle für natürliche Sprachverarbeitung ihre Erzählungen. Dabei stellte sich heraus, dass der Satzbau aussagekräftiger war als der Inhalt des Gesagten. Demnach erkannten die Modelle mehr als doppelt so viele Marker für die Risikofaktoren als Menschen, heißt es in der Studie. Die Ergebnisse sind im Fachjournal »Nature Mental Health« erschienen.
Kleine Funktionswörter wie »und«, »aber« oder »zu« lieferten starke Hinweise auf spätere Risiken – lange bevor eine Diagnose im Raum steht. Sie zeigen laut Studie, wie Individuen ihre Erfahrungen organisieren und einrahmen und dass der Stil wichtiger ist als der Inhalt. Die Jahre vor der Diagnose seien ein entscheidendes, aber kaum erforschtes Zeitfenster, teilt die Universität mit. Gerade im Jugendalter, in dem Depressionen und Angststörungen häufig auftreten, zählt jedes Jahr.
Um die Gesundheitsrisiken zu bewerten, habe der Fokus bislang stärker auf Gesprächen, Fragebögen, Cortisolspiegeln, Blutentnahmen oder auch auf der Telomerlänge gelegen, also den schützenden Endkappen an den Chromosomen, die sich unter chronischer psychischer Belastung verkürzen. Diese Verfahren lieferten zwar Hinweise, ließen sich jedoch kaum auf große Gruppen anwenden, betonte das Forschungsteam. Gotlib sieht in der Sprache einen leichteren Zugang. Sie koste wenig, funktioniere ohne Labor und erreiche Kinder unabhängig von ihrer Lebenssituation, hob er in der Mitteilung hervor.
Sein Team hatte die Jugendlichen seit Jahren begleitet und umfangreiche Audioaufnahmen gesammelt. Die KI-Modelle filterten Risikosignale heraus: Erzählungen über körperliche Gewalt oder soziale Ausgrenzung tauchten demnach häufiger bei jenen Kindern auf, die später psychische Störungen entwickelten. Berichteten sie dagegen über soziale Unterstützung, Sport oder Schulklubs, wirkte dies stabilisierend auf ihre Psyche. Überraschend stark schützend wirkte auch, wenn sie therapeutische Hilfe erwähnten.
Gotlib und sein Team sehen darin Chancen für die Prävention. Womöglich könnten künftig einfache Smartphone-Aufnahmen ausreichen, um gefährdete Kinder und Jugendliche früh zu identifizieren und Risiken für psychische Leiden sichtbar zu machen, bevor sie sich verfestigen.