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Coronavirus-Infektion

So kommt es zu Geruchsstörungen

Viele Covid-19-Patienten berichten von Geruchs- und Geschmacksstörungen. Doch wie kommen diese zustande? Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass keine direkte Nervenschädigung dahintersteckt – und dass die Störung reversibel ist.
Annette Rößler
22.06.2020
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Geruchs- und Geschmacksstörungen kennen viele Patienten als Symptom der banalen Erkältung. In diesem Fall leidet der Geruchssinn ganz einfach deshalb, weil die Atemluft durch die verstopfte Nase die Duftrezeptoren nicht mehr erreicht. Bei Covid-19 tritt der Verlust des Geruchssinns jedoch oft auf, ohne dass die Nase verstopft ist. Experten gingen daher zunächst davon aus, dass das SARS-Coronavirus-2 die Sinneszellen des Riechepithels in der Nase direkt befällt und schädigt.

Das scheint so aber nicht ganz zu stimmen, wie der Rhinologe und HNO-Chirurg Dr. Simon Gane von der University of London und die auf Düfte spezialiserte Chemikerin Professor Dr. Jane Parker von der University of Reading aktuell auf der akademischen Kommunikationsplattform »The Conversation« ausführen. Die beiden Experten verweisen auf eine Arbeit, die kürzlich auf dem Preprint-Server »BioRxiv« erschien, der zufolge nicht die olfaktorischen Nerven selbst, sondern die Zellen des sie umgebenden Versorgungsgewebes mit SARS-CoV-2 infiziert werden (DOI: 10.1101/2020.03.25.009084). Ein internationales Forscherteam hatte darin das Vorkommen von ACE2-Rezeptoren und TMPRSS2 auf verschiedenen Zelltypen im Riechareal der Nase analysiert.

Durch die Immunantwort auf die Infektion kommt es Gane und Parker zufolge zu einer lokalen Schwellung, ohne dass wie bei einer Erkältung gleich die ganze Nase verstopft ist. Hierzu passt der Befund einer Frau mit Covid-19, deren Fall in »JAMA Otolaryngology, Head & Neck Surgery« beschrieben wurde und bei der auf dem CT eine isolierte Schwellung der Riechspalte zu erkennen war (DOI: 10.1001/jamaoto.2020.0832). Dieser Mechanismus erklärt laut Gane und Parker auch, warum der Ausfall des Geruchssinns bei vielen Covid-19-Patienten plötzlich eintritt und ebenso plötzlich wieder verschwindet.

Entzündung verzögert Erholung

Bei einigen Patienten kehrt der Geruchssinn jedoch erst deutlich nach dem Abklingen anderer Covid-19-Symptome wieder zurück. Hierfür führen die beiden Autoren als mögliche Erklärung eine Entzündung des betroffenen Areals und eine daraus resultierende sekundäre Schädigung der Nervenzellen an. Durch die virusbedingte Entzündung würden Zytokine angelockt, die wiederum die Riechnerven angreifen könnten. Bis diese sich aus den in der Nase vorhandenen Stammzellen wieder regeneriert hätten, dauere es eine ganze Weile. Im Heilungsverlauf könnten Störungen des Geruchssinns, sogenannte Parosmien, auftreten.

Die gute Nachricht sei jedoch, dass auch in diesen Fällen das Riechvermögen meistens wieder zurückkehre. Ein gezieltes Riechtraining könne dabei helfen – quasi als Physiotherapie für die Nase. Sich regelmäßig bewusst bestimmten Düften auszusetzen, habe sich bei Geruchsstörungen anderer Genese bereits als hilfreich erwiesen und es gebe keinen Grund für die Annahme, dass das bei Covid-19 anders sein sollte.

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