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Corona-Impfstoffe

Sind Impfstoffstudien mit gezielter Infektion das Risiko wert?

Die ganze Welt wartet auf einen Corona-Impfstoff, der wirksam und sicher ist. Die Ungeduld ist so groß, dass jetzt »Human Challenge Studien« starten, also Studien, bei denen freiwillige Probanden gezielt infiziert werden. PZ-Chefredakteur Professor Dr. Theo Dingermann hat sich Pro und Kontra genauer angesehen.
Theo Dingermann
22.10.2020  18:00 Uhr

In einem Feature auf dem Wissenschaftsnachrichtenportal »Medscape Oncology« stellt die Wissenschaftsjournalistin Kathleen Doheny die Frage: »Sind Human Challenge Studien zur Testung von SARS-CoV-2-Impfstoffen das Risiko wert?«.

Wer sich noch nicht mit diesem Thema beschäftigt hat, könnte diese Überschrift als eine rhetorische Frage auffassen, die natürlich zu verneinen ist. Wer dann aber einmal die Internetseite https://1daysooner.org/ aufruft, der könnte seinen Augen nicht trauen. Hier treffen sich Menschen, die die Entwicklung von Impfstoffen beschleunigen wollen, entweder indem sie sich als Freiwillige melden, die an Studien teilnehmen möchten, oder indem sie Befürworter für eine sichere und schnelle Impfstoffentwicklung eintreten und die Probanden zu unterstützen. Tatsächlich haben sich auf dieser Seite mehr als 38.600 Menschen registriert, die mehr oder weniger in den Startlöchern stehen, wenn nach ihnen gerufen wird. 

Während die derzeit laufenden Phase-III-Impfstoffstudien jeweils 30.000 Probanden und mehr einschließen und aussagekräftige Ergebnisse bei optimalem Verlauf nach sechs Monaten zu erwarten sind, benötigen Challenge-Studien möglicherweise nur etwa 150 Probanden. Zudem kann die Wirksamkeit wahrscheinlich bereits nach sechs Wochen beurteilt werden.

Darüber hinaus, so der Bericht auf Medscape Oncology, können in den Studien mehrere Impfstoffkandidaten parallel getestet und miteinander verglichen werden. Die vielversprechendsten Kandidaten würden dann ausgewählt, um sie in größeren Studien vor allem hinsichtlich ihrer Sicherheit zu überprüfen. Dass dieses Vorgehen unter Bioethikern und Therapeuten umstritten ist, ist nicht verwunderlich. Auch die PZ hat bereits über die Idee berichtet

Das Für und Wider

Einer deutlich schnelleren Verfügbarkeit eines dringend gebrauchten Impfstoff als Pro-Argument stehen ein nach wie vor begrenztes Wissen über dieses neuartige Coronavirus, das Fehlen einer zuverlässig wirksamen Therapie, sollten die Probanden erkranken, und die allgemeine Hektik entgegen, mit der auf diesem Gebiet geforscht wird. Auch könnte mit einer Challenge-Studie die Gesundheit und möglicherweise das Leben der Freiwilligen leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. Wer will das verantworten?

Zudem könnte die enorme Geschwindigkeit, mit der hier Ergebnisse produziert werden sollen, Skepsis und Zurückhaltung hervorrufen. So könnte ein Mangel an Vertrauen in die klinische Prüfung des Impfstoffs den Vorteil durch eine schnellere Verfügbarkeit zunichte machen.

Befürworter halten dem entgegen, dass auch das klassische Zulassungsverfahren Menschenleben fordern könnte. Andererseits erkrankt aber mit Sicherheit die Hälfte der Probanden, da sie ein Placebo verabreicht bekommen. Da kann der Impfstoff noch so gut sein.

Dabei sind Challenge-Studien im Grunde nichts Neues. Sie haben eine lange Geschichte, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem jüngsten Leitfaden zu Studien zu Humanen Challenge Studien hervorhebt. In den vergangenen 50 Jahren, so die WHO, »wurden Challenge-Studien unter der Aufsicht von Ethikkommissionen in der Forschung an Zehntausenden einwilligenden erwachsenen Freiwilligen sicher durchgeführt«. Diese Studien haben dazu beigetragen, die Entwicklung von Impfstoffen gegen Cholera und Typhus zu beschleunigen und den Immunschutz gegen Grippe zu bewerten.

Jeder Tag bis zur Zulassung zählt

Würde auch nur ein Tag Entwicklungszeit für einen SARS-CoV-2-Impfstoff eingespart, könnten 7120 Leben gerettet werden, schätzt Josh Morrison, der 35-jährige Geschäftsführer und Mitbegründer von 1Day Sooner, der gemeinnützigen Organisation, die ihren Sitz in Brooklyn hat. Eine Verkürzung der Entwicklungszeit um drei Monate, so seine Rechnung, würde mehr als eine halbe Million Menschenleben retten, wobei er davon ausgeht, dass ein Sechstel der Welt jährlich an Covid-19 erkranken würde und ein Impfstoff 0,2 Prozent dieser Menschen vor dem Tod bewahren würde.

Auch Dr. Arthur Caplan ist ein lautstarker Befürworter von Challenge-Studien am Menschen im Rahmen der Corona-Impfstoffentwicklung. Die Verwendung eines solchen Ansatzes ermöglicht es den Unternehmen, potenzielle Kandidaten »viel, viel schneller als mit Standardmethoden durchzutesten«, sagt Caplan, Professor für Bioethik und Gründungsdirektor der Abteilung für Medizinethik an der NYU Grossman School of Medicine in New York City. Er hält das Risiko, das mit diesem Testansatz verknüpft ist, für akzeptabel, wenn die Freiwilligen jung und gesund sind – ein Ansatz, der auch von der WHO vorgeschlagen wird.

Dagegen äußert Prof. Ruth Macklin, Bioethikerin und angesehene emeritierte Universitätsprofessorin am Albert Einstein College of Medicine, New York City, ernste Bedenken und führt als wichtigste Begründung für ihre Haltung »die Schwere der Krankheit mit einem bestimmten Prozentsatz an Todesfällen« an. Auch sie sagte, dass das Fehlen einer erprobten Therapie zur Linderung schwerer Krankheitsverläufe ein entscheidendes Hindernis für Studien am Menschen sei.

Ein weiteres Problem könnte sich aus der Motivation der Freiwilligen ergeben. Nicht auszuschließen sei, dass es sich bei den Studienteilnehmern vereinzelnd auch um Hochrisikopersonen handeln könnte, die sich freiwillig melden, weil sie glauben, dass diese ersten Impfstoffversuche sie vor einer Infektion und in der Folge vor einer Erkrankung schützen könnte, ein Phänomen, das sie als »Präventions-Missverständnis« bezeichnet.

Der Glaubwürdigkeit zuliebe an das Studienprotokoll halten

»Wir haben ein gut entwickeltes klinisches Studienprogramm, dem wir unbedingt folgen sollten«, sagte Esther Krofah, Geschäftsführerin von FasterCures, einem Zentrum der unabhängigen wirtschaftlichen Denkfabrik »Milken Institut« in Santa Monica, Kalifornien. Dort werden derzeit die Entwicklungen von Therapiestrategien und Impfstoffen gegen das neue Coronavirus beobachtet.

Es gebe keinen Mangel an Freiwilligen für traditionelle Studien, sagte sie. Wichtig für den Moment sei es, Vertrauen in der Bevölkerung aufzubauen, sodass sich die Menschen tatsächlich auch impfen lassen wollen, sobald ein Impfstoff verfügbar ist. Bereits jetzt mehren sich die Stimmen, die Zweifel äußern, dass bei der Geschwindigkeit, mit der nach klassischen Methoden geforscht wird, alles mit rechten Dingen zugehe, so Krofah.

Die letzte Option

Die US-Arzneimittelbehörde FDA sieht Challenge-Versuche am Menschen als letzte Option. »Wenn es nicht mehr möglich ist, die Wirksamkeit eines Impfstoffs durch die Durchführung klinischer Studien durch Endpunktwirksamkeit einer Krankheit nachzuweisen, kann die Verwendung eines kontrollierten Infektionsmodells am Menschen in Betracht gezogen werden, um Beweise für die Wirksamkeit des Impfstoffs zu erhalten«, so die FDA. Ob man unter dem Druck der Pandemie tatsächlich so konsequent bleiben wird, wird sich zeigen.

Der 1Day Sooner-Geschäftsführer Morrison sagt, dass seine Freiwilligen meist jung seien. »Ich schätze 20 bis 35, und sie scheinen gut ausgebildet zu sein.« Aber auch Erwachsene im Alter von 70 Jahren und älter haben sich gemeldet. »Diese Menschen wollen etwas bewirken, sie wollen proaktiv sein und zum Kampf gegen das Virus beitragen«, sagte er. »Sie wollen Menschen schützen, die ihnen nahe stehen – ihre älteren Eltern, ihre Kinder

Gegenwärtig verfügt die Vier-Personen-Organisation über rund 700.000 US-Dollar an Fördermitteln, von denen der Großteil von der gemeinnützigen »Open Philanthropy« stammt. Morrison sagt, er befinde sich in laufenden Gesprächen mit Vertretern von vier potenziellen Projekten auf der Basis von Challenge-Studien.

Pharmaunternehmen sind gespalten gegenüber Challenge-Studien

Unter anderem äußerte sich Professor Dr. Adrian Hill vom Jenner-Institut der Universität Oxford gegenüber der britischen Zeitung »The Guardian«, dass man in Absprache mit dem Kooperationspartner Astra-Zeneca hoffe, bis Ende des Jahres Challenge-Studien mit des gemeinsamen Impfstoffkandidaten AZD1222 durchführen zu können.

Dagegen verlautbarte Paul Stoffels, Chief Scientific Officer bei Johnson & Johnson gegenüber der »New York Times«, dass sein Unternehmen Challenge-Studien nur dann in Betracht ziehen würde, wenn eine bewährte Behandlung zur Verfügung stünde.

Geld ist kein Motivationsfaktor

Eines scheint klar zu sein: Wer sich freiwillig an derartigen Studien beteiligen möchte, tut dies nicht des Geldes wegen. »Ganz offensichtlich motiviert unsere Freiwilligen nicht die Entschädigungssumme«, so Morrison, »obwohl die Probanden natürlich einen Geldbetrag erhalten, der auch die Kosten für Reisen und Lohnausfälle abdeckt«.

Nach ihrer tatsächlichen Motivation gefragt, antworten die jungen Leute beispielsweise: »Ich fühle mich ziemlich hilflos angesichts der ganzen Pandemiesituation. Es fühlte sich einfach richtig an.« Oder ein anderer Freiwilliger sagt, er habe sich im März gemeldet, nachdem er über medizinische Studien im Allgemeinen nachgedacht hatte.

Wieder eine andere möchte erfahren, »wie viele Menschenleben wohl durch eine schnellere Impfstoffentwicklung gerettet werden könnten.« Und danach gefragt, ob sie es sich nach der Anmeldung noch einmal überlegt habe, sagt sie: »Sicher habe ich das. Das ist beängstigend. Aber ich würde sagen, meine ursprüngliche Motivation steht noch. Die potenziellen Vorteile überwiegen meine Angst.«

Erste Versuche in London geplant

Tatsächlich soll nun in London Medienberichten zufolge ein erster klinischer Challenge-Versuch vorbereitet werden. Im Januar soll es losgehen. Dann werden gesunde, erwachsene Freiwillige unter kontrollierten Quarantäne-Bedingungen dem Coronavirus ausgesetzt werden, nachdem sie einige Wochen zuvor einen potenziellen Impfstoff verabreicht bekommen haben, wie die «Financial Times» unter Berufung auf Projektbeteiligte schreibt. Man arbeite mit Partnern zusammen, um mithilfe von «Human Challenge»-Tests die Entwicklung von Impfstoffen zu beschleunigen, bestätigte vor Kurzem ein Regierungssprecher auch der Deutschen Presse-Agentur in London.

Da trifft man dann die Stakeholder wieder, die bisher vorgestellt wurden: Über die US-amerikanische Organisation 1DaySooner sollen sich bereits rund 2000 Freiwillige für ein solches Projekt gefunden haben. Es wird federführend vom Londoner Imperial College geleitet. Getestet werden soll dabei AZD1222, der Kandidat von Astra-Zeneca und der Universität Oxford. Ob man nun dafür oder dagegen ist: Von dem dort generierten Wissen werden wir alle profitieren.

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