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Shigellose
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Sexuell übertragbarer Durchfall breitet sich aus

Beim Stichwort sexuell übertragbare Infektion denkt man zunächst nicht an Durchfall. Die Shigellose ist allerdings genau das: eine Durchfallerkrankung, die (auch) beim Sex übertragen wird. Deren Zahl ist zuletzt deutlich angestiegen – vor allem mit multiresistenten Shigella-Stämmen.
AutorKontaktChristina Hohmann-Jeddi
Datum 02.11.2026  18:00 Uhr

In den USA sorgt gerade eine sexuell übertragbare Durchfallerkrankung für Schlagzeilen. Laut Daten der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC werden durchfallverursachende Shigella-Bakterien auch sexuell übertragen und zunehmend antibiotikaresistent. Auch in Europa gab es schon erste Warnungen dazu.

Bakterien der Gattung Shigella können leichte Durchfallerkrankungen, aber auch schwerwiegende Verläufe verursachen. Bei dieser auch als Shigellenruhr bezeichneten Erkrankung kommt es zu blutigen Durchfällen, Erbrechen, Fieber, Bauchkrämpfen, Rektalprolaps, Dehydrierung und in seltenen Fällen zu einem toxischen Megakolon, einer entzündlichen starken Erweiterung des Dickdarms. Die Erreger werden in die vier Serogruppen Shigella dysenteriae, Shigella flexneri, Shigella boydii sowie Shigella sonnei eingeteilt und sind weltweit verbreitet. Sie werden meist fäkal-oral, also durch Schmierinfektionen, übertragen und galten in Industrieländern lange als Reiseerkrankung, die aus Ländern mit niedrigen Hygienestandards eingeschleppt wird. Die Bakterien werden aber auch in Kindertagesstätten und Schulen verbreitet.

Verschiebung der Übertragungswege

Zunehmend werden Shigellen auch sexuell übertragen, vor allem unter Männern, die Sex mit Männern haben (MSM). Das zeigt etwa ein Bericht aus Großbritannien, der im Juli 2026 im Fachjournal »The Lancet« erschien. »In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Verbreitung von Shigella in Ländern mit hohem Einkommen von einer sporadisch auftretenden, mit Reisen in Verbindung stehenden Erkrankung zu einer endemischen, sexuell übertragbaren Erkrankung unter MSM ausgeweitet«, schreibt ein Team um Julia E. Marshall von der University of Cambridge.

Die Forschenden analysierten etwa 3500 Isolate von S. sonnei von Patienten aus verschiedenen Behandlungszentren in Großbritannien. Von diesen Isolaten stammten 34,1 Prozent von MSM, 29,8 Prozent von Reiserückkehrern aus Hochrisikoländern und 36,1 Prozent von Personen, auf die beides nicht zutraf. Die Analyse zeigte auch, dass sich die sexuell übertragenen S.-sonnei-Stämme pro Jahr um etwa 15 Prozent schneller ausbreiteten und eine höhere Fitness hatten als Isolate von Reiserückkehrern oder anderen Infizierten.

Die Autoren nennen auch Daten der britischen Gesundheitsbehörde UKHSA aus dem März 2026: Demnach war bei Infektionen mit S. flexneri und S. sonnei, die sexuell erworben wurden, im Jahr 2025 »ein starker Anstieg« zu beobachten. Mehr als die Hälfte der Fälle wurde in London verzeichnet.

Herkömmliche Schutzmaßnahmen gegen Shigella-Infektionen wie Händewaschen und Lebensmittelhygiene könnten vor sexuellen Infektionen nicht schützen, schreiben die Forschenden aus Cambridge. Viele MSM seien sich des zunehmenden Risikos nicht bewusst, erklärt Seniorautorin Professor Dr. Kate Baker in einer Pressemitteilung. In vielen westlichen Ländern sei die Zahl der sexuell übertragenen Shigellosen gestiegen und die Erkrankung inzwischen in einigen MSM-Communities endemisch, heißt es in der Mitteilung.

Baker weist auf eine kritische Entwicklung hin: »Es treten mehrere sich überschneidende Varianten auf, die alle rasch Resistenzen gegen die Medikamente entwickeln, mit denen wir sie behandeln.« Die sexuell übertragenen Shigellen verbreiten sich nicht nur schneller als Shigellen, die auf andere Weise übertragen werden, sie sind auch in hohem Maß gegen Antibiotika immun. Dem Lancet-Artikel zufolge waren am Studienende mehr als 70 Prozent der Isolate von MSM gegen mindestens ein Antibiotikum resistent, im Vergleich zu 49 Prozent bei Reiserückkehrern und 40 Prozent der restlichen Isolate.

Zunehmend multiresistente Shigellen

Von zunehmenden Resistenzraten bei Shigellen berichtet auch die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC. Einer Publikation aus dem April 2026 zufolge ist die Zahl der extensiv antibiotikaresistenten (XDR) Shigella-Stämme in den USA gestiegen – und zwar von 0 Prozent im Jahr 2011 auf 8,5 Prozent im Jahr 2023 (»Morbidity and Mortality Weekly Report«). Die Patienten mit XDR-Stämmen waren im Durchschnitt 41 Jahre alt, 86 Prozent waren Männer und 82 Prozent hatten keine internationalen Reisen in der Zeit vor der Infektion getätigt.

Als XDR galten Shigellen-Stämme, die gegen Ampicillin, Azithromycin, Ceftriaxon, Ciprofloxacin und Cotrimoxazol resistent waren. Gegen diese stünden keine von der US-Arzneimittelbehörde FDA genehmigten oralen antimikrobiellen Wirkstoffe zur Therapie zur Verfügung, informieren die CDC. Zwei Drittel der XDR-Stämme entfielen auf S. sonnei, ein Drittel auf S. flexneri. Die Hälfte der XDR-Patienten mit bekanntem HIV-Status war HIV-positiv.

Warnung auch in Europa

Auch die Europäische Seuchenschutzbehörde ECDC warnte in diesem Jahr – wenige Wochen nach dem CDC-Bericht – vor der zunehmenden Verbreitung von multiresistenten und extensiv resistenten Shigella-Stämmen in Europa. Seit 2023 wurden demnach mehr als 2300 Infektionen registriert, die auf sieben genetisch unterschiedliche Ausbruchsgeschehen mit S. sonnei und S. flexneri zurückgehen. Betroffen sind vor allem, aber nicht ausschließlich, MSM. Die Erkrankungen wurden aus zwölf europäischen Ländern gemeldet, vor allem aus Belgien, Dänemark, Frankreich und Deutschland.

Dem Bericht zufolge haben sich die Übertragungswege in mehreren europäischen Ländern verschoben – von mit Lebensmitteln und kontaminiertem Wasser assoziierten Fällen zunehmend hin zu sexuell übertragenen Infektionen. Dass diese hohe Resistenzraten aufwiesen, könnte dadurch zu erklären sein, dass in den betroffenen Gruppen Antibiotikabehandlungen gegen andere sexuell übertragbare Infektionen wie Chlamydien und Gonorrhö einen Selektionsdruck auf die im Darm vorhandenen Shigella-Bakterien ausüben.

»Dies kann dazu führen, dass resistente Shigella-Stämme überleben und sich innerhalb sexueller Netzwerke ausbreiten, selbst wenn die Shigellose nicht das Ziel der Behandlung ist«, heißt es vom ECDC. Die Behörde rät zu mehr Aufklärung über diesen Infektionsweg der Shigellose und mögliche Präventionsmaßnahmen.

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