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Ausbruch in Deutschland

Experte rechnet mit bis zu 10.000 Affenpocken-Patienten

Eine britische Modellierung zeigt, warum sich das Affenpockenvirus im aktuellen Ausbruch unter Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), rasch ausbreiten konnte. Für die deutsche MSM-Szene könne dies mehr als 10.000 Infizierte bedeuten.
Christina Hohmann-Jeddi
24.06.2022  16:00 Uhr

Das in Afrika endemische Affenpockenvirus breitet sich mit bislang nicht gekannter Geschwindigkeit und Effektivität außerhalb der Endemiegebiete aus. In mehr als 40 Ländern außerhalb Afrika wurden bislang 3308 Fälle gemeldet, wie aus Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC Stand Mittwoch hervorgeht. Allein in Deutschland gibt es mit Stand 24. Juni mittlerweile 676 Fälle, in Europa (mit Stand 23. Juni) 2746 Fälle. Früh war aufgefallen, dass in der überwiegenden Mehrheit MSM betroffen sind. Laut der Europäischen Gesundheitsbehörde ECDC liegt ihr Anteil an den Infizierten in Europa bei 98 Prozent.

Die ersten Fälle traten Anfang Mai in Großbritannien auf. Ein Team um Akira Endo von der London School of Hygiene & Tropical Medicine analysierte den Beginn des Ausbruchs dort – auch in Abhängigkeit von der Anzahl der Sexualpartner der Infizierten. Der Modellierungs-Studie zur Infektionsdynamik zufolge könne eine kleine Zahl von Infizierten mit überproportional vielen Sexualkontakten erklären, warum sich das Virus in der MSM-Community so rasch verbreiten konnte. Ihre Untersuchung stellen die Forschenden auf dem Preprint-Server »MedRxiv« vor. 

Demnach könne die Basisreproduktionszahl R0 der Affenpocken in diesem sexuellen Kontaktnetzwerk »deutlich höher als 1 liegen«, was die Erfolgsaussichten der Eindämmung des Ausbruchs infrage stelle, schreiben die Forschenden. Anhaltende Bemühungen seien nötig, um die Zielgruppe mittels Aufklärung zur Prävention und frühen Diagnose zu motivieren.

Auch für Deutschland sieht Professor Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen, München Klinik Schwabing, aufgrund der hohen Dynamik des Geschehens kaum noch Chancen, den Ausbruch eindämmen zu können. Selbst bei Annahme einer sehr niedrigen sekundären Befallsrate von 5 Prozent »liegt die Wahrscheinlichkeit bei 100 Prozent, dass es zu einem Ausbruch innerhalb der MSM-Gruppe kommt«, sagt Wendtner gegenüber dem Science Media Center Deutschland. »Anders ausgedrückt bedeutet diese Modellierung, von einem Ausbruch mit mehr als 10.000 Infizierten ist in der MSM-Community statistisch betrachtet eigentlich sicher auszugehen.«

Auf der anderen Seite sei laut dieser Modellierung nicht damit zu rechnen, dass ein relevantes Infektionsgeschehen außerhalb der MSM-Szene auftreten werde. »Derzeit gibt es in Deutschland keine bekannten Affenpocken-Fälle bei Frauen oder Kindern«, sagte der Mediziner. Natürlich sei aber eine Übertragung der Affenpocken außerhalb der MSM-Gruppe durch bisexuelle, promiskuitive Kontakte nicht gänzlich auszuschließen.

Eine mögliche Präventionsmaßnahme seien sogenannte Ringimpfungen mit dem Pockenimpfstoff Imvanex®. Außerdem könne ein präventives Sexualverhalten gerade in der MSM-Szene hilfreich sein – wobei Promiskuität und ungeschützter Verkehr mit unbekannten Personen zu meiden seien. »Weniger Kontakte heißt statistisch gesehen weniger Risiko.«

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