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Kohortenstudie

Schulterbeschwerden seltene Impfkomplikation

Schulterbeschwerden nach einer Impfung in den Deltamuskel sind nach neuesten Studienergebnissen selten. Als Ursache vermuten US-Forscher eine falsche Applikationstechnik und eine daraus resultierende Entzündung des Schultergelenks.
Laura Rudolph
22.03.2022  07:00 Uhr

Eine intramuskuläre Impfung in den Oberarm kann mit Schulterbeschwerden einhergehen. Das Risiko ist mit einer geschätzten Inzidenz von 0,99 pro 10.000 Injektionen jedoch überschaubar, wie aus einer Studie eines Forscherteams um Dr. Chengyi Zheng vom Klinikverbund Kaiser Permanente Southern California (KPSC) hervorgeht. Als Risikofaktoren ermittelte es etwa weibliches Geschlecht, ein Alter ab 65 Jahren sowie die gleichzeitige Injektion mehrerer Impfungen in denselben Arm.

Von 3.758.764 Probanden, die zwischen dem 1. April 2016 und dem 31. Dezember 2017 in einer KPSC-Klinik eine Impfung in den Deltamuskel erhielten, entwickelten 371 innerhalb der ersten sieben Tage nach der Injektion Schulterbeschwerden. Davon entfielen vier Fälle auf die etwa 750.000 teilnehmenden Kinder zwischen drei und 17 Jahren. So lautet das Ergebnis der aktuell in der Fachzeitschrift »Annals of Internal Medicine« veröffentlichten Studie (DOI: 10.7326/M21-3023). Ein Algorithmus ermittelte anhand von ICD-10-Diagnosecodes diejenigen Probanden mit neu aufgetretenen Schulterbeschwerden, die mindestens 30 Tage andauerten. Anschließend verglich das Forscherteam die Merkmale der Patienten, die nach einer Impfung Schulterbeschwerden entwickelten mit denjenigen, die keine entwickelten.

Frauen und Ältere häufiger betroffen

Offenbar treten postvakzinale Schulterbeschwerden mit steigendem Alter häufiger auf: Während die Inzidenz bei den Kindern 0,05 pro 10.000 Impfungen und bei den 18- bis 49-Jährigen 0,62 betrug, stieg dieser Wert bei Probanden ab 65 Jahren auf 1,67. Bei den Erwachsenen variierte die Inzidenz zudem stark zwischen den einzelnen Impfstofftypen: Am häufigsten traten die Beschwerden nach einer Pneumokokken-Impfung auf (2,83 von 10.000 Impfungen), am seltensten nach einer Hepatitis-A-Impfung (0,76). Unter den am häufigsten verabreichten Grippeimpfungen (Inzidenz 1,13 pro 10.000 Impfungen) verursachten vorwiegend quadrivalente Impfstoffe Probleme. Als weitere Risikofaktoren ermittelten die Forscher etwa häufige Arztbesuche in der Vergangenheit, weibliches Geschlecht und bei älteren Menschen ab 50 Jahren die gleichzeitige Verabreichung mehrerer Injektionen in denselben Arm.

Ob die nach der Impfung aufgetretenen Schulterbeschwerden lediglich mit dieser korrelierten oder ursächlich auf diese zurückzuführen waren, kann die Studie aufgrund des retrospektiven Designs nicht beantworten. Die Forscher vermuten aber einen ursächlichen Zusammenhang, und zwar eine falsche Applikationstechnik. Durch eine zu hohe Injektionsstelle oder zu tiefe Penetration der Nadel könnte der Impfstoff versehentlich in das hinter dem Deltamuskel befindliche Schultergelenk injiziert werden – und dort eine immunvermittelte Entzündung verursachen. Dies könnte erklären, warum ältere Menschen und Frauen häufiger betroffen sind: Sie haben eine tendenziell geringere Muskelmasse als jüngere Erwachsene beziehungsweise Männer.

 

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