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Covid-19-Impfung

»Bei Comirnaty bis drei zählen«

Apotheker sollen bald auch gegen SARS-CoV-2 impfen. Dabei sind einige Besonderheiten zu beachten, da die mRNA-Impfstoffe sehr empfindlich sind. Worauf es ankommt, verrät Dr. Matthias Bollinger, Leitender Arzt des Impfzentrums Frankfurt am Main, im Gespräch mit der PZ.
Isabel Weinert
21.12.2021  09:00 Uhr

PZ: Was gibt es beim Aufziehen des Impfstoffs zu beachten?

Bollinger: Grundsätzlich vertragen mRNA-Impfstoffe keinerlei Erschütterung, das gilt auch beim Aufziehen der Spritze. Entsteht hier etwa ein Luftbläschen, so sollte man weder an der Spritze klopfen, um es zu entfernen, noch durch mehrmaliges Zurückdrücken des Impfstoffs in die Ampulle und erneutes Aufziehen in die Spritze versuchen, bläschenfrei aufzuziehen. Das kann den Impfstoff bereits zerstören. Es gilt: Kleine Bläschen verbleiben und große entstehen ohnehin nicht, wenn man den Impfstoff richtig aufzieht. Die kleinen Bläschen gelangen entweder gar nicht mit in den Muskel oder sie werden dort resorbiert. Sie richten auf jeden Fall keinen Schaden an.

PZ: Haben Sie Tipps für die Wahl von Kanülen und Spritzen?

Bollinger: Gebraucht werden klassische Nadeln zur intramuskulären Injektion mit einer Länge von drei Zentimetern. Wichtig ist, dass es Spritzen gibt, die auf dem Stempel eine Nase aufsitzen haben, die sich auf den Konus schiebt, damit der Impfstoff möglichst vollständig herauskommt. Dann gibt es aber auch Spritzen, die klassisch einfach einen Stempel haben. Bei diesen Spritzen würde das Volumen, das im Konus ist, in der Spritze verbleiben. Deshalb gibt es für diese Spritzen Nadeln, die in ihrem Aufsteckkonus wiederum eine Nase haben, die dann in den Spritzenkonus hineingeht und das verbleibende Volumen in der Spritze reduziert. Man muss unbedingt aufpassen, dass man nicht falsch kombiniert. Steckt man nämlich eine Spritze mit einer Nase auf dem Stempel zusammen mit einer Nadel mit einer Nase, dann treffen diese beiden Nasen aufeinander und dann drückt man die Nadel von der Spritze. Dadurch geht unnötig Impfstoff verloren.

PZ: Was sollte der Impfende für eine korrekte Impfung wissen?

Bollinger: Der Impfende muss die Besonderheiten der mRNA-Impfstoffe kennen und wissen, wohin die Injektion genau gesetzt und mit welcher Geschwindigkeit der Impfstoff verabreicht wird. Nach der zweifachen Desinfektion des Arms eines Impflings setzt man die Spritze im rechten Winkel an und sticht zügig tief in die Muskulatur. Der Impfstoff sollte aber sanft zwischen die Muskelzellen des Deltamuskels im Oberarm gelangen. Deshalb spritzt man keinesfalls schnell. Als Faustregel gilt zum Beispiel bei den 0,3 ml Comirnaty® bis drei zu zählen und in dieser Zeit den Impfstoff zu spritzen.

PZ: Was gibt es in Bezug auf den Impfling zu beachten?

Bollinger: Wichtig ist, dass der Impfling sitzt und zwar auf einer Liege. Wenn ihm unwohl wird, kann man ihn schnell flach lagern, damit sich der Kreislauf wieder stabilisiert. Auf einem Stuhl kann er auf den Boden rutschen. Besonders Ängstlichen kann man anbieten, sich auf die Seite auf die Liege zu legen, mit dem Arm oben, in den geimpft werden soll.

PZ: In welchen Arm spitzt man in Spezialfällen, zum Beispiel bei Lähmungen/Verletzungen eines Arms oder bei Frauen mit Brustamputation?

Bollinger: Bei Lähmungen sollte man den gesunden Arm wählen, vor dem Hintergrund, dass der Patient im gelähmten Arm weniger spürt, wenn sich etwa nach der Impfung ein Abszess entwickelt oder sonstige Probleme auftreten. Nach der Entfernung einer Brust sollte ebenfalls immer in den gesunden Arm geimpft werden, weil zu wenige Lymphknoten im Arm auf der Seite der amputierten Brust zu Problemen führen könnten. Immer wenn eine Wahl zwischen einem kranken und einem gesunden Arm besteht, nimmt man den gesunden Arm.

PZ: Bei der Injektion stößt man mitunter auf den Knochen. Wie geht man dann vor?

Bollinger: Zunächst einmal nicht erschrecken oder den Schreck zumindest nicht äußern. Auf keinen Fall darf man die Nadel im Schreckmoment ganz herausziehen. Trifft man auf den Knochen, dann zieht man die Spritze einen Zentimeter zurück und injiziert dann den Impfstoff. Macht man das nicht, dann gelangt zum einen der Impfstoff nicht an den Ort seiner Wirkung, zum anderen entwickelt sich eine unangenehme Reizung der Knochenhaut, wenn der Impfstoff dorthin gelangt. Der Impfling spürt übrigens nicht, wenn die Nadel auf seinen Knochen trifft.

PZ: Wie verhält man sich, wenn der Muskel während der Injektion zu zucken beginnt?

Bollinger: Das kann passieren, geht aber schnell vorüber und beeinträchtigt nichts. In diesem Fall macht man wie gewohnt weiter.

PZ: Der Impfende zieht nach der Injektion die Spritze zügig heraus – wie geht es weiter?

Bollinger: Die allererste Handlung ist danach, die Spritze abzuwerfen. Heute trennt man Kanüle und Spritze nicht mehr voneinander, sondern beides kommt direkt in einen Abwurfbehälter, der etwa auf Armeslänge entfernt steht. Also nicht umgreifen, nicht zwischendurch ablegen – all das erhöht die Gefahr, sich selbst oder den Impfling mit der Spritze zu verletzen. Außerdem sollte der Abwurfbehälter gut fixiert sein, also auf keinen Fall umfallen können.

Nach der Injektion neigen Impflinge dazu, sofort auf den Piks drücken zu wollen, so wie sie es von anderen Impfungen oder von Blutentnahmen kennen. Das sollte man vorsichtshalber bei einem mRNA-Impfstoff nicht tun. Das heißt, der Impfende hält nur sanft einen Tupfer auf die Einstichstelle und klebt anschließend ein Pflaster darüber. Blutet es, weil ein kleines Blutgefäß getroffen wurde, kein Aufheben darum machen, sondern auch hier nur leicht den Tupfer auf die Einstichstelle halten, bis die Blutung abgeklungen ist. Zudem ist es wichtig, dass nach der Impfung eine Person beim Impfling bleibt.

PZ: Wie viele Fälle einer Anaphylaxie gab es bislang im Impfzentrum Frankfurt?

Bollinger: Wir hatten bislang bei insgesamt circa 700.000 Impfungen vier nennenswerte anaphylaktische Reaktionen. Wenn solch eine Reaktion auftritt, gilt zügiges Handeln. Adrenalin muss dann in die Oberschenkelmuskulatur gespritzt werden. Das geht auch durch die Kleidung hindurch, wenn sie nicht aus mehreren Lagen besteht. Erst nach der Adrenalininjektion wählt man die 112, wenn man allein sein sollte. Ansonsten können beide Vorgänge parallel ablaufen. Es sollte in jedem Fall schnell gehen.

PZ: Wie gehen Sie vor, wenn ein Impfling die Aufklärung nicht versteht?

Bollinger: Es gibt Aufklärungsbögen in allen Sprachen. Das ist hilfreich, aber kein Ersatz. Wenn man das Gefühl hat, jemand hat die Aufklärung nicht begriffen, dann ist man gehalten, den Vorgang abzubrechen und den Impfling zu bitten, mit einem Übersetzer wiederzukommen. Denn die Pflicht dafür, dass der Impfling alles verstanden hat, sodass er auch Fragen stellen kann, liegt beim Aufklärenden.

PZ: In den Betriebsräumen der Apotheke ist oft nicht ausreichend Platz für Covid-19-Impfungen. Wie ließe sich dieses Dilemma lösen?

Bollinger: Aus meiner Sicht können Apothekerinnen und Apotheker beim nächstgelegenen DRK, bei anderen Hilfsorganisationen oder auch beim Sportverein fragen, ob sie passende Räumlichkeiten für Impfaktionen nutzen dürfen. Wir vom Impfzentrum beziehungsweise vom DRK Frankfurt sind auch daran interessiert, mit der Landesapothekerkammer Hessen zusammenzuarbeiten, was die Schulungen für Apotheker angeht.

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