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Eindämmungs-Strategie

Schulschließungen in mehreren Bundesländern

Millionen Eltern, Kinder und Jugendliche in Deutschland müssen sich auf eine völlig neue Situation einstellen. Immer mehr Bundesländer entscheiden sich für Schließungen von Schulen und Kitas. Der Stand am Freitagmittag.
dpa
13.03.2020  13:36 Uhr

Aus Sorge vor Ausbreitung des neuartigen Coronavirus wollen mehrere Bundesländer Schulen und Kitas von Montag an schließen. Zu ihnen zählen Bayern, das Saarland, Berlin, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Bremen. Sie wollen die Epidemie damit verlangsamen. Es ist damit zu rechnen, dass sich weitere Bundesländer dieser Entscheidung anschließen. Millionen Eltern in Deutschland müssen sich nun Gedanken machen, wie sie die Betreuung ihrer Kinder sicherstellen.

Bayern ordnete am Freitag eine Schließung aller Schulen, Kindergärten und Kitas ab Montag bis zum Beginn der Osterferien an. Damit sind in Bayern faktisch bis zum 20. April die Bildungseinrichtungen geschlossen. Eine solche Regelung hatte zuvor als erstes Bundesland auch das Saarland getroffen. Auch Schleswig-Holstein und Bremen schließt von Montag an alle Schulen und Kitas, wie die Landesregierungen mitteilten. Niedersachsen will sich nach dpa-Informationen ebenfalls anschließen. Vom kommenden Dienstag an werden alle allgemeinbildenden Schulen in Berlin bis zum Ende der Osterferien geschlossen. Das geht aus einem Schreiben der Senatsverwaltung für Bildung an die Berliner Schulleitungen vom Freitag hervor, das der dpa vorliegt. «Aus diesem Grund finden ab sofort auch keine Schülerfahrten, Exkursionen oder sonstige schulische Veranstaltungen statt», heißt es dort. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte am Vormittag mitgeteilt, dass die Berliner Schulen und Kitas von Montag an «stufenweise» den Betrieb einstellen. Begonnen werden soll mit den Oberstufenzentren. 

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) teilte am Nachmittag mit, dass die Hamburger Schulen am Montag nicht wieder öffnen werden. In der Hansestadt hatten die Schüler diese und letzte Woche Märzferien, die inoffiziell auch als »Skiferien« bezeichnet werden. Die Schließung gilt vorläufig bis zum 29. März. Es sei nicht auszuschließen, dass die Maßnahme verlängert werde, sagte Schulsenator Ties Rabe, eine Notbetreuung sei aber sichergestellt.

Auch in anderen Bundesländern wird am Freitag über flächendeckende Schulschließungen beraten. Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) sagte, wenn es dazu käme, wären im bevölkerungsreichsten Bundesland auf einen Schlag 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche ohne geregelte Betreuung. In Deutschland gibt es laut Statistischem Bundesamt (einschließlich Berufsschulen) rund 43.000 Schulen mit 11 Millionen Schülern und 820.000 Lehrern.

Notbetreuung für Eltern mit »systemkritischen Berufen«

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey verwies auf die Probleme, die flächendeckende Schulschließungen mit sich bringen. Ein solcher Schritt würde Eltern betreffen, die dann in Kliniken, in der Pflege oder Arztpraxen fehlen würden, sagte die SPD-Politikerin der Rhein-Neckar-Zeitung (Freitag). «Häufig springen die Großeltern bei der Betreuung ein. Damit würden die Älteren gerade aber umso mehr gefährdet.»

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) betrachtet die Entwicklung mit Sorge. Klar sei, dass die Schließungen eine große Belastung für die Familien seien, sagte GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Auf der anderen Seite sei ein Ausgleich des entfallenen Unterrichts nur schwer möglich. «Die Schulen in Deutschland sind nicht flächendeckend darauf vorbereitet, Fernunterricht zu erteilen.»

Einige Bundesländer kündigten einen Notfallplan für die Betreuung bestimmter Kinder an. «Wir werden eine Betreuung sicherstellen für Eltern, die in systemkritischem Berufen tätig sind», sagte der bayerische Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler). Die Schulen und Kindertagesstätten in Niedersachsen werden bis zu den Osterferien eine Notbetreuung anbieten. Räumliche und personelle Standards würden dafür nicht mehr gelten. Es sei aber nicht geplant, die Schüler mit Aufgaben oder Online-Unterricht zu versorgen, sagte Kultusminister Grant Henrik Tonne (SPD).

Weitere Bundesländer wollen heute entscheiden

Ob die Schulen in Brandenburg wegen der Ausbreitung des Coronavirus geschlossen werden, soll sich schon bald entscheiden. «Es ist ein Teil der Beratung im Kabinett», sagte die Sprecherin des Bildungsministeriums, Ulrike Grönefeld, in Potsdam. Auch in Thüringen werden Forderungen nach Schulschließungen lauter. Die Landesregierung zögert bislang. Ein Sprecher des Thüringer Bildungsministeriums sagte, es sei noch nicht entschieden, ob die Schulen im Freistaat geschlossen würden. Am Nachmittag kämen «aussagekräftige» Infos. Derzeit liefen «intensive Abstimmungen innerhalb der Landesregierung». Auch Hamburg will heute Nachmittag eine Entscheidung verkünden.

In Hessen forderte der Philologenverband in Wiesbaden eine unverzüglich Schließung der Bildungseinrichtungen. Es bestünden deutliche Hygiene- und damit verbunden Infektionsrisiken, da Tausende Kinder und Jugendliche in den Klassenräumen und in den Pausen aufeinander treffen. Die Abiturprüfungen sollten jedoch wie geplant durchgeführt werden. Angesichts der zunehmenden Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie berät die Landesregierung auch über eine weitreichende Schließung von Kitas und Schulen. Dies könnte Teil einer landesweiten Gesamtstrategie sein, die nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur am Freitag auf der Tagesordnung einer Sondersitzung des Ministerrats in Mainz stand. In Rheinland-Pfalz sind zur Zeit zwölf Schulen wegen konkreter Infektionen geschlossen, zudem war am Freitag der Unterricht an allen Schulen in Worms eingestellt sein.

Der Bundeselternrat hat mit Blick auf die anstehenden Schulschließungen in Deutschland Unterstützung für die Eltern bei der Kinderbetreuung gefordert. «Hierbei muss eine Prioritätenliste erstellt werden, welche Berufsgruppen vorrangig Anspruch haben, um das öffentliche Leben und die Versorgung aufrechtzuerhalten», sagte der Vorsitzende des Elternrats, Stephan Wassmuth, am Freitag der Deutschen Presse-Agentur.

Die Rahmenbedingungen dafür müssten bundesweit gleich sein und Entscheider vor Ort müssten sich auf klare Handlungsanweisungen verlassen können. Der Staat stehe hier in der Pflicht. «Wir alle müssen in dieser schwierigen Phase unsere Einzelinteressen zum Wohle unserer Gesellschaft zurückstellen.» 

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