Pharmazeutische Zeitung online
Zungenschrittmacher

Schnarchkiller mit Zusatznutzen

Besser schlafen, besserer Blutzucker und besseres Essverhalten: Gleich drei Wünsche auf einmal werden dank eines Zungenschrittmachers bei Patienten mit obstruktivem Schlafapnoe-Syndrom wahr. Durch elektrische Stimulation des Zungennervs hält dieser nachts die Atemwege frei. In einer Pressemitteilung informiert die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde sowie Kopf- und Hals-Chirurgie über diese bislang weniger bekannte Therapieoption. 
Sven Siebenand
20.05.2019
Datenschutz bei der PZ

Schätzungsweise 2,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter nächtlichen Atemaussetzern. Die Entspannung der Muskeln im Rachen führt bei ihnen zum Zurückfallen der Zunge, die zeitweise die Atemwege verlegt. Die Folgen sind lautes Schnarchen, auf Dauer aber auch Gesundheitsrisiken, weil die Atemaussetzer die gleichmäßige Versorgung des Körpers mit Sauerstoff verhindern. Beispielsweise steigen die Blutspiegel der Stresshormone an, was wiederum den Blutzucker ansteigen lässt. Das Risiko für Typ-2-Diabetes ist damit erhöht.

Standardbehandlung bei Schlafapnoe ist der Einsatz einer Atemmaske. Diese sogenannte CPAP (continuous positive airway pressure)-Beatmung erzeugt einen leichten Überdruck, der die Atemwege freihält. Bei den meisten Patienten verbessert sich der Schlaf. Ist das nicht der Fall, so können Ärzte mit einer Schlafendoskopie prüfen, ob diese Patienten für einen Zungenschrittmacher infrage kommen. Dabei beobachten sie die Bewegungen von Zunge und Rachen beim Schnarchen.

Licht aus, Schrittmacher an

Der Zungenschrittmacher wird den Patienten in einer etwa zweistündigen Operation im Brustbereich unter die Haut implantiert. Die Chirurgen verbinden diesen über ein Kabel mit dem Nervus hypoglossus, der die Bewegungen der Zunge kontrolliert. »Nach einer Eingewöhnungsphase ist die Behandlung für den Patienten einfach«, erklärt Privatdozent Dr. Armin Steffen vom Campus Lübeck des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. »Die Patienten schalten den Zungenschrittmacher abends vor dem Schlafengehen ein und morgens wieder aus.«

Seit fünf Jahren haben in Deutschland mehrere hundert Patienten einen Zungenschrittmacher erhalten. Allein Steffen hat in Lübeck 125 Implantationen durchgeführt. Zwanzig dieser Patienten hat er gemeinsam mit Kollegen nach der Operation über ein Jahr lang begleitet. Dabei wurden nicht nur die Auswirkungen auf den Schlaf untersucht. Die Ärzte führten nach zwölf Monaten einen Blutzuckerbelastungstest durch. Dabei wird der Anstieg des Blutzuckers nach dem Trinken einer Zuckerlösung bestimmt. Ein zu starker Anstieg weist auf einen bevorstehenden Typ-2-Diabetes hin. Wie Steffen und Kollegen im »Journal of Sleep Research« berichten, haben sich die Werte im Zuckerbelastungstest nach der Implantation des Schrittmachers bei den Patienten gebessert. »Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Zungenschrittmacher die Patienten vor einem Typ-2-Diabetes schützen kann«, so Steffen.

Last but not least wirkte sich die nächtliche Stimulierung der Zunge auch tagsüber auf das Essverhalten aus. Der sogenannte hedonistische Hunger, der viele Menschen mit Schlafapnoe auch dann essen lässt, wenn ihr Körper keine Kalorien benötigt, war vermindert. Steffen hofft, dass der Zungenschrittmacher den Patienten langfristig helfen könnte, ihre Gewichtsprobleme in den Griff zu bekommen. Die meisten Menschen mit Schlafapnoe sind übergewichtig oder fettleibig. Das Übergewicht gilt als eine wichtige Ursache für die Schlafstörung.

Mehr von Avoxa