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Schmerzversorgung in Deutschland nach wie vor unzureichend

Long-Covid-Patienten werden multimodale Schmerztherapie brauchen

Im Moment mangele es noch an verlässlichen Daten, gab Meißner zu. »Wir fangen gerade erst an, dieses neue Phänomen zu verstehen.« Es zeige sich jedoch in der täglichen Praxis, dass die Symptome von Long-Covid-Patienten sehr stark denen chronischer Schmerzpatienten gleichen. »Ich prognostiziere, dass die Long-Covid-Therapie in einigen Jahren wie die derzeit praktizierte multimodale Schmerztherapie aussehen wird«, so der Schmerzspezialist.

Es sind insbesondere Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen, über die sowohl Patienten mit Long-Covid-Symptomen als auch Patienten mit leichten Covid-19-Infektions-Verläufen neben körperlicher Schwäche mit Verlust der Muskelkraft, Gedächtnisverlust und Fatigue klagen, berichtete in einem weiteren Vortrag auch Apotheker Berend Groeneveld aus seinem Praxisalltag.

Ob OTC oder Rx, ob Paracetamol, Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder Diclofenac: Gegebenenfalls in interdisziplinärer Vernetzung mit dem behandelnden Arzt gelte es, für Betroffene das geeignete Analgetikum auszuwählen. »Nicht alle Schmerzmittel sind für jeden geeignet«, unterstrich der Pharmazeut, gleichermaßen Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands und Patientenbeauftragter der ABDABundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

Immer müsse die betreuende Apotheke zudem einen Interaktionscheck mit Blick auf die bereits vorhandene Medikation vornehmen. Ob mit oder ohne Covid-19-Infektion: Keinesfalls dürfen Schmerzmittel ohne ärztliche Rücksprache eigenmächtig länger als drei Tage hintereinander oder länger als zehn Tage im Monat genommen werden, warnte Groeneveld.

23 Millionen Bürger leiden unter chronischen Schmerzen

Mit Blick auf die generelle schmerztherapeutische Versorgung in Deutschland machte er deutlich, dass diese gerade im ländlichen Raum unbefriedigend sei. In Ermangelung entsprechender ärztlicher Praxen müssten Betroffene derzeit lange Fahrten in die nächst gelegenen großen Städte sowie mehrtägige Klinikaufenthalten auf sich nehmen, um endlich schmerzfrei leben zu können. Hier bestehe dringend Handlungsbedarf. »Die ambulante Schmerztherapie insbesondere in der Fläche muss zügig ausgebaut werden, um das große Leid der Betroffenen zu mindern«, unterstrich Groeneveld.

Generell klagen epidemiologischen Erhebungen gemäß in Deutschland etwa 23 Millionen Menschen über chronische Schmerzen. Sechs Millionen fühlen sich durch den Schmerz in ihrem Alltag stark beeinträchtigt. Bei 2,2 Millionen ist der Schmerz ein eigenständiges, komplexes, psychosoziales Krankheitsbild, dessen eigentliche Ursache häufig nicht mehr nachweisbar ist.

»Wie die Therapie chronischer Schmerzen ist auch die akuter Schmerzen nach wie vor unzureichend, was wiederum zur Schmerzchronifizierung führt«, hob Meißner abschließend hervor. »Schmerzpatienten werden auf konservativen Stationen nach wie vor unterversorgt«, kritisierte er.

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