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Geschichtsforschung

Schlafen wir heute anders als in früheren Zeiten?

Sieben, acht Stunden am Stück schlafen: ein recht neues Ideal in der Geschichte des Menschen. Früher wurde anders geruht als heute.
dpa
10.08.2022  17:00 Uhr
Schlafen wir heute anders als in früheren Zeiten?

Das Scrollen auf dem Handy oder flimmernde Fernseher halten viele länger wach als sie es eigentlich wollen, Wecker reißen Millionen aus dem Tiefschlaf, Straßenbeleuchtung macht viele Zimmer zu hell: Der gute Schlaf – er hat es heutzutage schwer. Der Nachtschlaf am Stück (gar mit der funktionalen Tagesdreiteilung in acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit und acht Stunden Freizeit) ist eine Idee der Industrialisierung in Europa, womöglich ein Hirngespinst des Kapitalismus. Die moderne Zeit macht den Schlafbedarf zu einer Art Makel, zum Zeichen angeblicher Faulheit.

Historiker betonen, dass Schlaf eine Körperfunktion mit Geschichte sei. Der Schlaf-Wach-Wechsel hängt eben nicht nur von körpereigenen Faktoren ab, sondern auch von äußeren – und der natürliche Hell-Dunkel-Rhythmus spielt dabei nur eine geringe Rolle. «Schlaf ist tief geprägt von der Gesellschaft, in der wir leben», sagt die Geschichtswissenschaftlerin Professor Dr. Hannah Ahlheim von der Uni Gießen («Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert»). «Kaum etwas beeinflusst unseren Schlaf so direkt wie unsere Arbeit: Arbeitszeiten bestimmen, wann wir aufstehen und ins Bett gehen.» Wer Schichtdienst habe, im Krankenhaus, bei der Polizei, als Reinigungskraft oder Taxifahrerin, müsse oft nachts arbeiten und tagsüber schlafen.

Das erste, was ein Baby lerne, sei, so zu schlafen, dass es den Arbeitsalltag nicht störe. «Seit der Industrialisierung müssen wir dabei Schritt halten mit Maschinen, die nie müde werden: Eisenbahnen, Fließbänder, auch Tablets und Handys», sagt Ahlheim. «Die kleinen Geräte bringen uns heute die Arbeit ans Bett oder sogar ins Bett, gerade in Zeiten des Homeoffice.»

Nächtliche Aktivzeit vor der Industrialisierung

Vor gut 20 Jahren rüttelte der amerikanische Historiker und Schlafforscher Robert Ekirch («In der Stunde der Nacht: Eine Geschichte der Dunkelheit») an der Vorstellung, dass im Mittelalter die dunkle Nacht allein zum Schlafen da gewesen sei. Bei Forschungen zu Schlafgewohnheiten in vorindustrieller Zeit war Ekirch in alten Aufzeichnungen wiederholt darauf gestoßen, dass vom «ersten» und «zweiten Schlaf» die Rede war. Es habe jahrhundertelang einen Zwei-Phasen-Schlaf gegeben, schloss er daraus.

Der Nachtschlaf von insgesamt sechs bis acht Stunden wurde demnach meist gegen 1 Uhr morgens unterbrochen, um ein paar Stunden Zeit für sich zu haben – zum Nachdenken, Reden, Beten, Spielen oder für Sex. Danach sei dann nochmal weitergeschlafen worden. «Wer schläft, sündigt nicht – wer vorher sündigt, schläft besser», soll Casanova gesagt haben. 

Die Frankfurter Historikerin Professor Dr. Birgit Emich untersuchte die Schlafgewohnheiten der Menschen in der Frühen Neuzeit. Emich ermittelte zum Beispiel aus Zunftordnungen des 16. bis 18. Jahrhunderts, dass Handwerker zwischen circa fünf Uhr morgens und acht Uhr abends arbeiteten, also vermutlich zwischen neun am Abend und halb fünf in der Früh schliefen. Dies deckt sich auch in etwa mit den Sperrzeiten der Städte in dieser Zeit, die europaweit erstaunlich gleich waren: Abends um neun wurden die Tore geschlossen.

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