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Kreuzreaktivität

SARS-CoV-2-reaktive T-Zellen erkennen auch Corona-Erkältungsviren

Auch Menschen, die sich bisher noch nicht mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infiziert haben, besitzen offenbar zum Teil Immunzellen, die Proteine von SARS-CoV-2 erkennen können. Das zeigt eine prominent publizierte Arbeit aus der Charité und dem Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik (MPIMG).
Theo Dingermann
31.07.2020  09:00 Uhr
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Interessierte, die sich regelmäßig den »Drosten-Podcast« des NDRs angehört haben, sollten eigentlich diese interessante Geschichte bereits kennen. In Folge 35 vom 24.4. berichtete Professor Dr. Christian Drosten damals, dass seine Gruppe zu einer Studie »nur ein bisschen beigetragen« habe, die eigentlich im Labor von Professor Dr. Andreas Thiel in der Charité durchgeführt worden war. Ein Ergebnis dieser Studie sei gewesen, so Drosten, dass »bei 34 Prozent der Patienten reaktive T-Zellen [gegen SARS-CoV-2] vorliegen, obwohl diese Patienten nie Kontakt mit dem SARS-2-Virus hatten«.

Diese Studie, auf die sich Drosten bereits vor mehr als drei Monaten bezog, ist jetzt in »Nature« erschienen. Unter dem Titel »SARS-CoV-2-reactive T cells in healthy donors and patients with COVID-19« berichten Dr. Julian Braun und Kollegen, dass T-Helferzellen (CD4+ T-Zellen), die Teile des SARS-CoV-2-Spike-Glykoproteins (S) erkennen, im peripheren Blut von Covid-19-Patienten aber auch im Blut von Blutspendern nachgewiesen werden konnten, die bisher nicht mit dem neuen Coronavirus infiziert waren.

Bei den Covid-19-Patienten ließ sich zu 83 Prozent diese T-Helferzellpopulation detektieren. Bei den nicht infizierten Spendern wiesen 35 Prozent diese Zellen auf. Das ist in jedem Fall bemerkenswert. Die Autoren spekulieren, dass die Bildung dieser T-Helferzellen nach einer Infektion mit endemischen Corona-Erkältungsviren, insbesondere den Coronaviren 229E und OC43, induziert wurden.

Die S-reaktiven CD4+ T-Zellen der nicht mit SARS-CoV-2 infizierten Spender reagierten primär mit C-terminale S-Epitopen, die im Vergleich zu N-terminalen Epitopen eine höhere Homologie zu Spike-Glykoproteinen humaner endemischer Coronaviren aufweisen. Das ist ein starker Hinweis darauf, dass es sich tatsächlich um eine Kreuzreaktion handelt.

Bedeutung einer T-Zellimmunität

Nach wie vor sind serologische Analysen einer durch SARS-CoV-2 induzierten humoralen Immunität, also einer Immunität, die sich auf das Vorhandensein von Antikörpern stützt, mit vielen Ungewissheiten belegt. So wird die Zuverlässigkeit der Tests immer noch infrage gestellt. Relevanter erscheint aber das Problem, dass Coronavirus-induzierte Antikörperreaktionen an sich bereits recht variabel und offensichtlich ziemlich kurzlebig sind.

Das scheint bei einer durch Coronaviren induzierten zellulären Immunität anders zu sein. Diese ist vermutlich deutlich nachhaltiger, wie gerade auch die vorliegende Studie belegt. Allerdings war sie bisher nur unzureichend charakterisiert. Und hier leistet die Berliner Studie einen großen Beitrag.

Die Berliner Wissenschaftler haben die Möglichkeit genutzt, dass sich heute T-Zell-Epitope vorhersagen lassen. Und tatsächlich haben sie auch die von ihnen vorgesagten T-Zellepitope in Coronavirus-Strukturproteinen als relevante Epitope identifiziert, gegen die T-Zellen im Rahmen der Immunreifung hochspezifische Bindestellen ausbilden.

Das ist deshalb von so großer Bedeutung, da die identifizierten T-Helferzellen, die an die Epitope der Coronavirus-Strukturproteine binden, dann aktiviert werden, wenn der Organismus erneut mit dem Virus konfrontiert wird. Dann werden spezifische B-Zellen aus dem Gedächtnispool aktiviert, die zu proliferieren beginnen und zu Plasmazellen differenzieren, die nun in großen Mengen Antikörper, darunter sicherlich auch neutralisierende Antikörper, gegen das S-Protein produzieren.

Diese Schlüsse leiten sich auch aus Erfahrungen ab, die während der SARS-Epidemie von 2002/03 gemacht wurden. Auch damals erwiesen sich die Antikörper gegen das Spike-Glykoprotein als protektiv. Daher ist die Induktion von SARS-CoV-2-spezifischem CD4+ T-Zellen wahrscheinlich entscheidend, um bei Bedarf, d.h. nach einer Exposition mit dem Virus, eine potenziell schützender Antikörperreaktionen zu etablieren. Dieser Mechanismus relativiert gewaltig die immer wieder geäußerte Sorge, dass wegen der Kurzlebigkeit der Antikörper nach einer SARS-CoV-2-Infektion auch die Immunität gegen das Virus verschwindet.

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