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Fallstudie aus Deutschland

SARS-CoV-2-Infektionen können übersehen werden

Der Wunsch von Menschen, SARS-CoV-2-Epidemiegebiete schnellstmöglich zu verlassen und in die Heimat zurückzukehren, stellt örtliche Gesundheitsbehörden und medizinische Versorgungseinheiten vor besondere Herausforderungen. Dies auch deshalb, da eine epidemiologische Unsicherheit besteht hinsichtlich einer möglichen Übertragung des Virus durch asymptomatische oder subklinisch symptomatisch infizierte Personen.
Theo Dingermann
19.02.2020
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Eine lehrreiche Fallstudie zu dieser Problematik hat ganz aktuell und unabhängig vom regulären Erscheinen das »New England Journal of Medicine« publiziert. Hier schildern Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde der Stadt Frankfurt am Main und des Universitätsklinikums Frankfurt ihr Vorgehen und ihre Erfahrungen im Rahmen der Rückholaktion von 126 Deutschen aus der besonders betroffenen Stadt Wuhan am 1. Februar 2020.

Während der Überführung von Wuhan nach Frankfurt waren 10 der 126 Passagiere isoliert worden. Zwei dieser Passagiere hatten Kontakt zu einer mit SARS-CoV-2 infizierten Person. Sechs Personen wiesen Symptome auf, die als klinisch symptomatisch eingestuft worden waren. Schließlich hatten noch zwei Passagiere Familienmitglieder begleitet, die wegen des Verdachts einer SARS-CoV-2-Infektion auf dem Flug isoliert worden waren. Diese insgesamt zehn Passagiere wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in Frankfurt in das Universitätsklinikum überführt. Zur Verdachtsabklärung wurden bei diesen Patienten Echtzeit-Polymerase-Kettenreaktionsanalysen (RT-PCR) von Sputum und Rachenabstrichen durchgeführt. Diese Tests auf SARS-CoV-2 verliefen negativ.

Die verbleibenden 116 Passagiere (Alter zwischen 5 Monate bis 68 Jahre), darunter 23 Kinder, wurden im medizinischen Untersuchungszentrum des Frankfurter Flughafens zunächst ärztlich untersucht. Jeder Passagier wurde gebeten, aktuelle Symptome wie Fieber, Müdigkeit, Halsschmerzen, Husten, laufende Nase, Muskelschmerzen und Durchfall zu melden, und jeder wurde auf Anzeichen einer Infektion in Nase und Rachen hin untersucht. Fast alle Passagiere waren fieberfrei. Nur bei einem Passagier wurde eine erhöhte Temperatur von 38,4°C gemessen. Dieser Patient klagte zudem über Atemnot und Husten. Auch er wurde zur genaueren Untersuchung in das Universitätsklinikum Frankfurt verlegt. Die Ergebnisse der dort durchgeführter RT-PCR-Test eines Rachenabstrichs und einer Sputumprobe zum Nachweis von SARS-CoV-2 waren jedoch negativ.

Zusätzlich zu dem vorgeplanten mehrstufigen Screening-Verfahren auf Anzeichen und Symptome einer Infektion und der Beobachtung der asymptomatischen Kohorte in Quarantäne wurde jedem der Rückkehrer angeboten, einen Rachenabstrich auf SARS-CoV-2 hin untersuchen zu lassen. Insgesamt willigten 114 Passagiere ein.

Zwei der 114 Personen (1,8 Prozent) in dieser Kohorte wurden mit Hilfe der RT-PCR positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Diese überraschenden Ergebnisse wurden mit Hilfe zweier kommerzieller Test-Sets und einem Test, der am Institut für Virologie der Philipps-Universität Marburg durchgeführt wurde, bestätigt. Darüber hinaus zeigte die Isolierung des SARS-CoV-2 aus den beiden Proben in der Zellkultur mit Caco-2-Zellen eine potenzielle Infektiosität.

Die positiv getesteten Personen wurden umgehend aus der Kohorte isoliert und zur weiteren Bewertung und Beobachtung am folgenden Tag ins Universitätsklinikums Frankfurt überführt. Nach einer gründlichen Untersuchung auf der Krankenstation wurden bei einem Patienten ein schwacher Ausschlag und eine minimale Pharyngitis diagnostiziert. Beide Patienten blieben sieben Tage nach der stationären Aufnahme gesund und fieberfrei.

Zusammenfassend wird hier demonstriert, dass ein symptombasiertes Screening-Verfahren zur Erkennung einer SARS-CoV-2-Infektion bei 2 von 114 Personen versagt hat. Dieser sorgfältig dokumentierte Fall zeigt, dass bei Personen, die kein Fieber und keine oder nur geringfügige Anzeichen einer Infektion aufweisen, ein potenziell infektiöses Virus ausgeschieden werden kann.

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