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Coronavirus-Krise

Russische Hackergruppe betreibt Impfstoff-Spionage

Medizinische Forschungseinrichtungen gehören nicht zu den klassischen Zielen der berüchtigten Hacker-Truppe «The Dukes». Doch in der Coronavirus-Krise sind Informationen zu möglichen Impfstoffen ein Schatz und dienen auch den mutmaßlichen staatlichen Auftraggebern. Russland wies die Vorwürfe am Freitag zurück.
dpa
PZ
18.07.2020  12:37 Uhr

Britische Behörden werfen Hackern vor, im Auftrag Moskaus weltweit Cyber-Spionage bei Impfstoff-Forschern zu betreiben. Das geht aus einer Mitteilung des britischen Zentrums für Cyber-Sicherheit NCSC (National Cyber Security Centre) von Donnerstag hervor.

Demnach versucht eine Hacker-Gruppe, die unter dem Namen «APT29» oder auch «Cozy Bear» und «The Dukes» bekannt ist, seit Beginn der Coronavirus-Pandemie unter anderem von Organisationen in der Forschung und Entwicklung von Impfstoffen «wertvolle Daten» zu stehlen. Die Gruppe operiere «beinahe sicher» als Teil von russischen Geheimdiensten, hieß es in einer NCSC-Mitteilung. Diese Einschätzung werde auch von Behörden in den USA und Kanada geteilt. Der britische Außenminister Dominic Raab verurteilte die angeblichen Cyber-Attacken. «Es ist vollkommen inakzeptabel, dass russische Geheimdienste diejenigen angreifen, die daran arbeiten, die Coronavirus-Pandemie zu bekämpfen», sagte Raab einer Mitteilung zufolge. Er rief Moskau auf, die Spionageaktivitäten zu beenden.

Russland hat die britischen Vorwürfe des versuchten Diebstahls eines Corona-Impfstoffs zurückgewiesen. Mit den Cyberangriffen auf Pharma-Unternehmen und Forschungszentren in Großbritannien habe Russland nichts zu tun, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge am Freitag. Russland, das nach offiziellen Angaben eigene Impfstoffe entwickelt, kämpfe selbst mit solchen Hackerangriffen und Cyberverbrechen gegen seine Computer und Einrichtungen. «Unsere Behörden wehren diese Attacken ständig ab. Das ist ein allgemeines Problem», sagte Peskow.

Russland möchte Bevölkerung bald durchimpfen

Die russische Botschaft in London tat die «ohne Beweise» vorgebrachten Anschuldigungen als «Propaganda» ab. Der Chef des staatlichen Fonds für Direktinvestitionen, Kirill Dmitrijew, sagte dem britischen Times Radio, dass Russland keinen Anlass habe, einen Impfstoff zu stehlen. Allerdings meinte er da überraschend auch, dass Russland mit dem Pharmakonzern AstraZeneca in Großbritannien über die Herstellung eines Impfstoffs verhandele. Es handele sich dabei um eine Entwicklung aus Oxford, die in Russland vom Hersteller R-Pharm produziert werden solle.

Gleichwohl betont Russland fast täglich, eigene Impfstoffe entwickelt zu haben. Gesundheitsminister Michail Muraschko teilte am Freitag mit, dass ein Mittel in der ersten Augusthälfte registriert werden solle. Die bisherigen klinischen Tests hätten «gute Ergebnisse» gezeigt. Nach Darstellung Muraschkos arbeiten die russischen Forscher noch an einem weiteren Impfstoff, der bald in die klinische Testphase gehen solle. Die Regierung hatte mitgeteilt, in den kommenden Monaten mit Produktion und Einsatz des Impfstoffs zu beginnen. Der Chef des staatlichen Fonds für Direktinvestitionen, Kirill Dmitrijew, sagte am Donnerstag vor Journalisten, dass die russische Bevölkerung bis Anfang kommenden Jahres durchgeimpft sein werde.

Artturi Lehtiö, Forscher beim finnischen Sicherheitsspezialisten F-Secure, sagte, dass diese Art von Organisationen keine traditionellen Ziele für «The Dukes» seien. Die Angriffe stünden im Einklang mit der Ausrichtung der Gruppe auf nationale Sicherheitsinteressen - zu denen die Coronavirus-Pandemie zweifellos zähle. Das plötzliche Interesse von «The Duke» am Diebstahl geistigen Eigentums könne aufgrund der Schwere der Pandemie in Russland eine Verschiebung ihrer Prioritäten signalisieren. «Covid-19 könnte für Russland eine so wichtige nationale Sicherheitspriorität sein, dass alle Hände mit anpacken müssen.»

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