| Theo Dingermann |
| 05.03.2026 11:00 Uhr |
In Kanada nehmen Vorschulkinder fast die Hälfte der täglichen Gesamtkalorienzahl über hochverarbeitete Lebensmittel wie Fertigprodukte auf. / © Adobe Stock/Miljan Zivkovic
Ein Team um Dr. Meaghan E. Kavanagh vom Department of Nutritional Sciences der University of Toronto in Kanada wertete im Rahmen der kanadischen CHILD Cohort Study die Ernährungsdaten von 2077 Kindern aus. Deren Lebensmittelaufnahme wurde mit drei Jahren detailliert erfasst und ihr Verhalten zwei Jahre später standardisiert gemessen. Die Ergebnisse der Studie, die jetzt im Fachjournal »JAMA Network Open« publiziert wurden, zeigen, dass Kinder, die im Alter von drei Jahren mehr ultraverarbeitete Lebensmittel (ultraprocessed food, UPF) konsumierten, mit fünf Jahren ausgeprägtere Verhaltens- und Emotionsprobleme zeigten als Kinder mit geringerem Konsum. Dies betraf sowohl Ängstlichkeit, Rückzug und depressive Verstimmungen (Internalisierungswert), als auch aggressives und hyperaktives Verhalten (Externalisierungswert).
Die Ernährung der in die Studie eingeschlossenen Kinder wurde über einen validierten 112-Item umfassenden Ernährungshäufigkeitsfragebogen, dessen Items systematisch nach dem NOVA-Klassifikationssystem nach Verarbeitungsgrad kategorisiert wurden, erfasst. Als Verhaltensmaß diente die etablierte »Child Behavior Checklist« (CBCL) in ihrer Vorschulversion.
Berücksichtigt in der Analyse wurde ein breites Spektrum potenzieller Störgrößen, darunter pränataler Stress der Mutter, deren Bildungsniveau und eigene Ernährung, Geburtsparameter, Stilldauer, Geschwisterstatus, Haushaltseinkommen, körperliche Aktivität sowie Body-Mass-Index des Kindes.
Im Alter von fünf Jahren lagen die mittleren CBCL-Werte bei 44,6 für internalisierende Auffälligkeiten, 39,6 für externalisierende Auffälligkeiten und 41,2 für das Gesamtverhalten. Die Forschenden konnten zeigen, dass jede Steigerung des Energieanteils aus ultraverarbeiteten Lebensmitteln um 10 Prozentpunkte mit einem um 0,81 Punkte höheren Internalisierungswert, einem um 0,47 Punkte höheren Externalisierungswert und einem um 0,64 Punkte höheren CBCL-Gesamtscore assoziiert war.
»Angesichts der hohen Prävalenz des UPF-Konsums können selbst geringe Zusammenhänge bedeutende Auswirkungen auf die Bevölkerung haben, insbesondere angesichts der Zusammenhänge zwischen psychischer und physischer Gesundheit«, schreiben die Autoren. Im Studiendurchschnitt machten ultraverarbeitete Produkte immerhin 45,5 Prozent der täglichen Energiezufuhr der Dreijährigen aus.
Aufschlussreich sind die Substitutionsmodelle, mit denen die Forschenden statistisch simulierten, was passiert, wenn 10 Prozent der Energie aus UPF isokalorisch durch minimal verarbeitete Lebensmittel ersetzt werden. Die Antwort ist konsistent und über alle Verhaltensbereiche hinweg gleichgerichtet: Es resultieren niedrigere Scores und damit weniger Verhaltensauffälligkeiten. Dieser Befund ist nicht nur wissenschaftlich interessant, sondern liefert auch einen konkreten Ansatzpunkt für Prävention und Ernährungspolitik.
Die von den Forschenden durchgeführter Subgruppenanalysen differenzieren das Bild weiter. Unter acht untersuchten Kategorien ultraverarbeiteter Lebensmittel stachen künstlich und zuckergesüßte Getränke besonders hervor. Deren Konsum war signifikant mit höheren Internalisierungswerten und Gesamtscores assoziiert. Auch Brot- und Getreideprodukte aus industrieller Fertigung sowie Fertiggerichte zeigten Assoziationen mit internalisierenden Symptomen. Zugleich weisen die Forschenden darauf hin, dass die Assoziation über nahezu alle Produktkategorien hinweg auf ein Muster weist, das auf Wirkmechanismen jenseits einzelner Nährstoffe hindeutet.
Die Ursachen sind dabei noch unklar. Im Vordergrund sehen die Autoren neuroinflammatorische Prozesse, die durch hohe Zufuhr gesättigter Fettsäuren und Natrium begünstigt werden, sowie die Verdrängung nährstoffdichter Lebensmittel durch energiereiche, aber mikronährstoffarme Produkte. Defizite an Vitamin D, Zink, Eisen, Folat, Vitamin B12 und Omega-3-Fettsäuren könnten so indirekt zu emotionaler und verhaltensbezogener Dysregulation beitragen.
Hinzu kommen Effekte über die Darm-Hirn-Achse: Ultraverarbeitete Lebensmittel stehen im Zusammenhang mit reduzierter mikrobieller Diversität, gestörten Immunreaktionen und erhöhten systemischen Entzündungsmarkern.
Auch endokrin wirksame Substanzen aus Verpackungsmaterialien, insbesondere Phthalate und Bisphenol, werden als mögliche Mediatoren diskutiert, zumal die Kinder in dem jungen Alter gegenüber solchen Expositionen besonders vulnerabel sein dürften.
Die Autoren die methodischen Einschränkungen offen. Die NOVA-Klassifikation via Ernährungshäufigkeitsfragebogen sei mit Unschärfen behaftet. Zudem sind Kausalaussagen aufgrund des Beobachtungsdesigns nicht möglich, auch wenn die prospektive Anlage und die breite Adjustierung auf Störfaktoren das Verzerrungspotenzial begrenzen.
Für die Praxis mahnen diese Ergebnisse dieser Studie an, wie wichtig die Vorschuljahre für die mentale Gesundheit sind. Leicht zu adaptierende Einflussfaktoren wie die Ernährung sollten besondere Beachtung geschenkt werden.