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Zielgerichtete Tumortherapeutika
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Risiko für Paravasate beurteilen

Paravasate erfordern schnelles Handeln. Eine rasche Risikoeinschätzung ist für zielgerichtete Tumortherapeutika oft nicht möglich. Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) wurde daher für 40 dieser Arzneistoffe eine Recherche mit anschließender Einordnung vorgenommen.
AutorKontaktTheda Marie Poppinga
Datum 09.09.2026  09:00 Uhr

Wenn intravenös verabreichte Medikamente in das umliegende Gewebe austreten, spricht man von einem Paravasat beziehungsweise einer Extravasation. Dadurch wird das Gewebe für eine unbekannte Zeit dem Arzneistoff ausgesetzt, was Schäden unterschiedlichen Ausmaßes zur Folge haben kann.

Ein Paravasat ist ein seltenes, aber potenziell folgenschweres Ereignis, bei dem eine rasche Risikoeinschätzung erforderlich ist. Die dafür notwendige Recherche kann jedoch zeitaufwendig sein und stellt so in der Akutsituation eine Herausforderung dar. Eine vorausschauende Datensammlung und -bewertung kann Krankenhausapotheken unterstützen.

Die Risikofaktoren sind vielfältig. Zu den patientenbezogenen Faktoren zählen beispielsweise kleine oder fragile Venen sowie eine eingeschränkte Wahrnehmung, etwa durch Sensibilitätsstörungen. Auch die Art des venösen Zugangs sowie dessen Lage und Fixierung spielen eine wichtige Rolle.

Schadenskategorien für den schnellen Überblick

Zur Risikobewertung werden zytotoxische Medikamente in drei Schadensklassen eingeteilt. Ein Ampelsystem hilft zur schnellen Orientierung: Vesikans (rot), Irritans (gelb) oder Non-Vesikans (grün). Als Vesikans eingestufte Medikamente können Blasenbildung, lokale Gewebezerstörung mit Nekrose und Ulzerationen verursachen. Irritanzien können Schmerzen und lokale Entzündungen hervorrufen. Bei einem Paravasat eines Non-Vesikans tritt im Allgemeinen keine lokale Reaktion auf.

Für konventionelle Zytostatika gibt es in der Regel etablierte Einstufungen, die auf langjähriger Erfahrung und zahlreichen Fallberichten basieren. Die Arzneistoffe sind in Leitlinien berücksichtigt, die neben der Risikobewertung auch Maßnahmen zum Management beschreiben. Weitaus weniger ist über das Risiko und die Folgen von Paravasaten zielgerichteter Tumortherapeutika bekannt. Hierzu zählen monoklonale Antikörper, Antikörper-Wirkstoff-Konjugate und modifizierte Formulierungen. Die begrenzte Datenlage zur potenziellen Gewebeschädigung erschwert eine eindeutige Einstufung dieser Arzneistoffe.

Vor diesem Hintergrund wurde in der Klinikapotheke des UKE das Risiko von 40 regelmäßig eingesetzten zielgerichteten Tumortherapeutika recherchiert und intern bewertet. Für die erste Einschätzung wurden bestehende Einstufungen aus Leitlinien, Einzelpublikationen und Übersichtsarbeiten herangezogen und verglichen. Ergänzend erfolgte eine systematische Literaturrecherche in PubMed nach Fallberichten und Bewertungen der potenziellen Gewebeschädigung. Zusätzlich wurde nach Studien zur subkutanen Applikation gesucht. Die Hersteller wurden zu einer internen Einstufung, Paravasaten in den Zulassungsstudien und – sofern dokumentiert – deren Ausgang befragt. So konnten 38 von 40 untersuchten Arzneistoffen in das oben beschriebene Ampelschema eingeordnet werden.

Nicht immer eindeutig

Die Recherche zeigte, dass die Einstufung einzelner Arzneistoffe in verschiedenen Publikationen häufig nicht einheitlich ist. Dies fiel insbesondere bei den Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten auf. Bei der Interpretation bestehender Einstufungen ist zudem zu berücksichtigen, dass die Bewertungsgrundlage häufig nicht transparent ist und die Unabhängigkeit der Bewertung nicht immer beurteilt werden kann.

Wie bei jeder Literaturrecherche sollten daher mehrere Quellen herangezogen und verglichen werden. Einstufungen basieren immer auf dem aktuellen und verfügbaren Wissensstand. Die Aktualität der Daten sollte stets beachtet werden. Nach jedem Paravasat sollte der eingetretene Schaden kritisch bewertet, dokumentiert und – sofern möglich – publiziert werden. Nur so lassen sich bestehende Einstufungen fortlaufend aktualisieren und Arzneistoffe mit bislang unklarem Risiko fundierter bewerten.

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