| Angela Kalisch |
| 29.04.2026 08:00 Uhr |
Im Kontrast dazu steht eine Installation, die während der Pandemie entstanden ist. Ein Jahr lang hat Masuyama täglich einen Scherenschnitt aus dem Schatten der Pflanzen angefertigt, die auf natürliche Weise in einem Eimer gewachsen sind. Zeit und Raum im Universum oder auf einem einzigen Quadratmeter Erde sind gleichmaßen einer kontinuierlichen – wenn auch unterschiedlich intensiven – Veränderung unterworfen. Der letzte Raum der Ausstellung in Ingelheim zeigt diese 365 Scherenschnitte, die kreisförmig angeordnet kopfüber an der Decke hängen. Eine weitere Installation in Form einer tonnenschweren Kugel ist sogar begehbar. Außen massiv und dunkel, offenbart sie im Inneren ein Mini-Planetarium mit Blick ins Universum.
Die Werke der beiden Künstler Whistler und Masuyama treten in der Ausstellung im Alten Rathaus Ingelheim in einen spannenden Dialog. Während die Szenen aus London und Venedig als direkte Auseinandersetzung im Mittelpunkt stehen, sind weitere Parallelen unverkennbar. So war Whistler durch seine Reisetätigkeit nicht nur ein Kosmopolit, sondern auch in der Künstlerszene seiner Zeit stark vernetzt. Das Interesse des produktiven und als exzentrisch geltenden Künstlers reichte vom genauen Studium der Technik Rembrandts über eine Freundschaft zum französischen Lyriker Charles Baudelaire bis hin zur Sammlung japanischer Holzschnitte.
Die Ausstellung zeigt neben Whistlers Arbeiten auch einige Beispiele aus seinem persönlichen Umfeld. Zur kunsthistorischen Einordnung sind zudem Blätter von Rembrandt, Pablo Picasso, Camille Pissarro und Édouard Manet zu sehen, wodurch nachvollziehbar wird, wer ihn inspirierte.
Masuyama (*1968), der seit 2001 in Deutschland lebt, sucht in seinen Arbeiten häufig die Auseinandersetzung mit der Kunst des 19. Jahrhunderts. Vor allem seine Beschäftigung mit den Gemälden Caspar David Friedrichs zeigt exemplarisch seine Technik der Montage und Collage im Hinblick auf das wiederkehrende Thema der Veränderung in Zeit und Raum. Das Zusammenspiel der beiden Künstler lässt sich als Einladung zu einer Reise verstehen, in der Geschichte und Gegenwart kontrastreich aufeinandertreffen und zugleich kontinuierlich ineinander verwoben sind.
Die »Internationalen Tage« sind ein Kulturengagement von Boehringer Ingelheim. Sie finden seit 1959 jährlich statt.
Die aktuelle Ausstellung »Whistler und Masuyama: Von London nach Venedig« ist noch bis zum 5. Juli 2026 zu sehen im Kulturforum Ingelheim – Altes Rathaus, François-Lachenal-Platz 1, Ingelheim am Rhein
Di.-Fr. 11-18.30 Uhr, Sa., So. und an Feiertagen 11-18 Uhr
www.internationale-tage.de