| Annette Rößler |
| 13.05.2026 16:20 Uhr |
Von einem Jo-Jo-Effekt spricht man, wenn Menschen nach einer erfolgreichen Gewichtsreduktion wieder zunehmen. / © Getty Images/Jose Luis Pelaez Inc
Jo-Jo-Effekt: Der etwas putzige Begriff beschreibt ein Phänomen, das schon bei sehr vielen Menschen für Frustration und Resignation gesorgt hat. Denn abzunehmen gelingt heute vielen Betroffenen – vor allem mithilfe der Inkretinmimetika. Doch die Schwierigkeiten mit einem zu hohen Körpergewicht hören nach einer erfolgreichen Reduktion nicht auf. So heißt es etwa in der entsprechenden S3-Leitlinie: »Das Hauptproblem bei der Behandlung der Adipositas besteht weniger in der kurzfristigen Gewichtsabnahme als der Stabilisierung des reduzierten Körpergewichts.«
Im Fachjournal »Nature Medicine« präsentieren nun Forschende um Dr. Sarah Mount und Professor Dr. Emanuel E. Canfora von der Universität Maastricht in den Niederlanden Daten, wonach ein bestimmtes Nahrungsergänzungsmittel (NEM) dabei helfen könnte. Es handelt sich um ein Probiotikum namens MucT™, das aus einem pasteurisierten Stamm des Darmbakteriums Akkermansia muciniphila besteht und von der Firma The Akkermansia Company produziert wird. Die Firma finanzierte die Studie und Mitarbeitende des Herstellers zählen auch zu den Autoren der Publikation.
In Kohortenstudien seien bei Menschen mit Adipositas, Typ-2-Diabetes und metabolischem Syndrom vergleichsweise niedrige Mengen an A. muciniphila im Darm gefunden worden, schreiben die Forschenden. Zudem habe die Gabe des Probiotikums in präklinischen Studien ernährungsbedingte Adipositas verhindern können.
Daher testeten sie das NEM nun in einer randomisierten kontrollierten Studie bei 90 Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas. Die Teilnehmenden machten zuerst eine achtwöchige Diät mit kalorienreduzierter Kost (täglich 900 kcal). Danach gab es keine Kalorienrestriktion mehr, die Probanden wurden aber angehalten, ihr Gewicht zu halten, und bekamen eine regelmäßige Ernährungsberatung. Von denjenigen, die in den ersten acht Wochen mindestens 8 Prozent ihres Gewichts verloren hatten (84 Teilnehmende), erhielt anschließend die Hälfte für 24 Wochen dreimal täglich das NEM in Kapselform und die andere Hälfte ein Placebo.
Der Jo-Jo-Effekt war in beiden Gruppen vorhanden, in der NEM-Gruppe aber statistisch signifikant kleiner: Unter MucT nahmen die Teilnehmenden durchschnittlich 1,2 kg wieder zu, unter Placebo 3,2 kg. In der Verumgruppe nahmen 16 Probanden sogar weiter ab, in der Placebogruppe nur zwei. Blutproben zeigten, dass MucT die Insulinsensitivität positiv beeinflusste. Schwerwiegende unerwünschte Wirkungen gab es keine.
Unabhängige Forschende loben das Studiendesign, weisen aber auch auf Limitationen hin – etwa die geringe Teilnehmendenzahl und die fehlende Übertragbarkeit auf andere Therapiesituationen. So sagt etwa Dr. Stefan Kabisch vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) an der Berliner Charité: »Die Forschungsarbeit ist methodisch sehr hochwertig, aber aufgrund der kleinen Fallzahl und der sehr spezifischen Testbedingungen nicht generalisierbar.« Selbst für dieses spezifische Präparat brauche es Bestätigungsstudien mit deutlich mehr Teilnehmenden. Eine generelle Empfehlung für NEM ergebe sich daraus nicht.
Die von den Autoren diskutierten möglichen Mechanismen könnten laut Kabisch »allesamt plausibel sein«. So könnten A. muciniphila möglicherweise die Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm blockieren oder auch über die Darm-Hirn-Achse Sättigungsmechanismen beeinflussen.