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Covid-19-Therapie

Positive klinische Daten zu Colchicin

Das vor allem als Gicht-Medikament bekannte Colchicin war schon früh in der Coronavirus-Pandemie als mögliche Therapieoption bei Covid-19 ins Gespräch gebracht worden. Klinische Studien wurden initiiert. Das Montreal Heart Institute (MHI) berichtet nun über positive Ergebnisse der Colcorona-Studie. Eine Veröffentlichung in einem Peer-reviewed-Journal steht aber noch aus.
Sven Siebenand
29.01.2021  09:30 Uhr

In die Studie eingeschlossen wurden Covid-19-Patienten, die nicht hospitalisiert waren und bei denen seit der Diagnose der Erkrankung maximal 24 Stunden vergangen sind. Zudem musste bei ihnen mindestens ein Risikofaktor für einen schweren Covid-19-Verlauf vorliegen, zum Beispiel Alter über 70 Jahre, Übergewicht, Diabetes oder unkontrollierter Bluthochdruck. Randomisiert erhielten die Patienten über einen Zeitraum von 30 Tagen entweder Colchicin- oder Placebo-Tabletten als Ergänzung zur Standardtherapie. An den ersten drei Tagen nahmen die Patienten der Verumgruppe zweimal täglich 0,5 mg ein, an den folgenden 27 Tagen einmal täglich 0,5 mg Colchicin ein.

Im primären Endpunkt werteten die Wissenschaftler aus, wie häufig die Patienten in den beiden Gruppen aufgrund der Covid-19-Erkrankung später ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten oder in einem 30-Tage-Zeitraum an Covid-19 verstarben. Auf einem Preprint-Server wurden nun positive Ergebnisse veröffentlicht. Unter den 4159 Patienten mit PCR-bestätigter Covid-19-Erkrankung trat der primäre Endpunkt bei 4,6 Prozent der Patienten in der Colchicin-Gruppe und bei 6,0 Prozent der Patienten in der Placebo-Gruppe ein – eine statistisch signifikante Verringerung des Risikos für Tod oder Krankenhausaufenthalt. Schaut man genauer in die Daten, ist festzustellen, dass die Colchicin-Einnahme dazu führte, dass 25 Prozent weniger Patienten ins Krankenhaus eingeliefert wurden, 50 Prozent weniger Infizierte mechanisch beatmet werden mussten und es 44 Prozent weniger Covid-19-bedingte Todesfälle gab.

»Unsere Forschung zeigt die Wirksamkeit der Colchicin-Behandlung bei der Verhinderung des Phänomens Zytokinsturm und der Verringerung der mit Covid-19 verbundenen Komplikationen«, so die euphorische Zusammenfassung des Erstautors Dr. Jean-Claude Tardif, Direktor des MHI-Forschungszentrums. Die Verschreibung von Colchicin an Patienten könnte dazu beitragen, die Probleme der Krankenhausüberlastung zu lindern, heißt es weiter in der Pressemitteilung. Bis zur Veröffentlichung der Daten in einem Peer-reviewed Journal gilt es, diese erfreulichen Ergebnisse noch mit ein wenig Vorsicht zu betrachten. Von einer vorschnellen Verordnung von Colchicin sollten Ärzte daher unbedingt absehen.

Colchicin ist ein Alkaloid aus der Herbstzeitlosen (Colchicum autumnale). Es wirkt als Spindelgift und Mitosehemmer. Ihm wird zudem eine antientzündliche Wirkung zugeschrieben. So soll es pro- und antiinflammatorische Wege modulieren und zum Beispiel die Aktivierung des Inflammasoms, die Mikrotubuli-basierte Aktivierung von Entzündungszellen, die Bildung von Leukotrienen und Zytokinen sowie die Phagozytose stören. In einem Modell für das akute Atemnotsyndrom konnte gezeigt werden, dass Colchicin durch Entzündungsprozesse verursachte Lungenschäden und Atemversagen durch Beeinträchtigung der Leukozytenaktivierung und -rekrutierung reduziert, schreiben Tardif und Kollegen in ihrer Publikation.

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