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EU-Verordnung

Pharmaindustrie erzielte jahrelang satte Erträge

Die europäische Orphan Drug-Verordnung aus dem Jahr 2000 hat es der Pharmaindustrie zwanzig Jahre lang ermöglicht, deutliche Umsatzsteigerungen einzufahren. Mithilfe von Exklusivrechten vermarkteten sie einige Medikamente jahrelang geschützt, obwohl die Präparate den Schutzstatus gar nicht benötigt hätten. Dies ergab die Recherche zweier Journalisten, die sich auf ein Papier der EU-Kommission berufen.
Charlotte Kurz
30.07.2020  16:12 Uhr
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In der entsprechenden EU-Verordnung ist die Möglichkeit von Exklusivvermarktungsrechten für Orphan Drugs für einen Zeitraum von zehn Jahren geregelt. Der Begriff Orphan, also Waisenkinder, benennt die Tatsache, dass die pharmazeutische Industrie unter normalen Marktbedingungen kaum ein Interesse daran hat, Medikamente für nur wenige Patienten herzustellen. Dass die Mehrheit dieser Medikamente den speziellen Schutzstatus aber gar nicht benötigt hätte und die Pharmakonzerne dementsprechend ungerechtfertigt einen extrem hohen Ertrag erzielten, zeigt die Recherche zweier Journalisten der Organisation für investigativen Journalismus »The Investigative Desk«. Das British Medical Journal (BMJ) hat die Ergebnisse nun veröffentlicht.

Die Pharmaindustrie kann demnach Arzneimittel, die bei seltenen Erkrankungen zum Einsatz kommen, unter bestimmten Voraussetzungen exklusiv vermarkten und verkaufen. Dass die meisten dieser Arzneimittel auch ohne den zusätzlichen Schutz der Verordnung auf den Markt gekommen wären, erklärte die Europäische Kommission in einer kurzen Mitteilung nach der Sitzung des Pharmaceutical Committee am 12. März 2020. Allerdings ist der vollständige Bericht von der Sitzung bislang noch nicht veröffentlicht, die EU-Kommission beschränkte sich bis dato lediglich auf eine kurze Zusammenfassung der Sitzung. Darin steht, dass nur 18 bis 24 von insgesamt 146 (bis zum Jahr 2017) zugelassenen Arzneimitteln unter die Verordnung fallen. Im Umkehrschluss: Mehr als 120 Orphan Drugs wären auch ohne die Exklusivrechte auf den Markt gekommen. Dies begründet die EU-Kommission damit, dass die entsprechenden Medikamente auch in anderen Regionen, zum Beispiel in den USA, vertrieben wurden.

Die beiden niederländischen Journalisten Daan Marselis und Lucien Hordijk haben die weltweiten Verkaufszahlen von 120 der insgesamt 174 Orphan Drugs über die vergangenen zwanzig Jahre untersucht. Allein mehr als 20 Medikamente aus dem Jahr 2019 hatten einen Ertrag von mehr als 1 Milliarde Euro erzielt. Zum Vergleich: 2009 waren es noch drei Arzneimittel, die die Milliardengrenze knackten. Durchschnittlich erzielten die Orphan Drugs pro Jahr knapp 724 Millionen Euro (Stand 2019), kurz nach Einführung der EU-Verordnung waren es noch 133 Millionen Euro. Damit hat sich der durchschnittliche Umsatz verfünffacht. Insbesondere Medikamente, die seltene Krebsformen behandeln, wie das Medikament Revlimid® zeigten sich als sehr lukrativ, berichten die Autoren. Im Jahr 2019 waren die Krebsmedikamente unter den Orphan Drugs mit einem durchschnittlichen Erlös von 1,1 Milliarden Euro doppelt so ertragreich wie die entsprechenden Präparate außerhalb der Sparte.

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